Hinweis:

Zeitzeuge: Carl Friedrich Bautsch unter Einbeziehung der Quellen: Heimatkalender, 1927, Seite, 68, 69, 70.Kayser, das „Hesebecker Moor…/ Manuskript, Karl Meyer Jelmstorf, Der Meyerhof in Gr. Hesebeck);

In einem Artikel des „Heimatkalenders“/1927, beschreibt Walter Kayser, Bevensen unter der Überschrift: „Das Hesebecker Moor ein Paradies für Orchideen und fleischfressenden Pflanzen“, dieses eindrucksvolle Gebiet genauer. Er fand dort eine Vielzahl von Pflanzen und Sträuchern: „Gagelstrauch,  (Myrica gale ), im Volke Pfefferstrauch oder gar fälschlich Porst genannt, sind um diese Zeit bunt übersät von blühenden Blumen, von denen nur Blutweiderich, (Lytrus),  Gilb-Weiderich (Lysimachia), mehrere Distelarten, Teufelsbiß (Succisa) und Sunpfherzblatt (Parnassia) erwähnt sein. Weiße und etliche Farben herrschen vor und das liegt nicht im geringen Teile daran, dass aus der Familie der Orchideen besonders viele Blumen vorhanden sind. Nicht nur die beiden Knabenkrautarten, das breitblättrige (Orchis latifolia) und das gepfleckte  (Orchis maculate) blühen hier nacheinander und färben das Moor erst tiefviolett-rot dann blass-rosa, sondern auch die zweiblättrige Kuckucksblume (Pintanthera bioolia) wächst zwischendurch und bringt mit ihren weiß-gelblichen Blütentrauben eine schöne Abwechselung in das bunte Bild. Abends beginnt aus diesen Blüten ein wunderbarer Vanilleduft hervorzuströmen.“

Hesebecker Moor

Er erwähnt noch den Händelwurz (Gymnadenia ordraessima) und den Sunfwurz (Epipacitis ilustrus). Ebenfalls beschreibt er das große Zweiblatt (Listera ovata) und die Insekten fressenden Pflanzen Sonnentau, (Drosera rotundifolia), das Fettkraut (Pinguicula vulgaris) und den Wasserschlauch. Den Wasserschlauch und die Krebsschere, sowie Igelkolben gibt es übrigens aber auch in der Fischteichanlage in Gr. Hesebecks „Lüttget  Moor“ heute noch.  Am Ende des Artikels schreibt Kayser den Satz: „Schönheit und interessante Zweckmäßigkeit überall in der Natur, auch in unserer Heimat, wie auf dem kleinen Fleck der Erde, dem Hesebecker Moor; allerdings nur für den Menschen, der es versteht, seine Sinne dafür zu schärfen und zu gebrauchen.“ Auch Karl Meyer, Jelmstorf beschreibt in seinem Manuskript „Der Meyerhof in Gr. Hesebeck“, das er 1937 meinem Großvater schenkte, über das Moor in der Feldmark zwischen Gr. und Kl. Hesebeck: „Hier umrandet der Bach ein kleines Wiesenmoor, das ein wahres Paradies von Orchideen ist.“

Das Moor hat sich allerdings im Lauf der Jahre verändert. Zwischen dem Erlenbruch gab es früher überall kleine Wiesen und Weideflächen. Noch in den dreißiger Jahren, des letzten Jahrhunderts, musste ich dort Kühe hüten. Die Wiesen wurden von Hand gemäht. Das Heu wurde teils zum Aufladen heraus getragen. Es war Heu, das vor allem die Pferde bekamen. Im Krieg musste Heu für die Wehrmacht abgeliefert werden. Auch nach dem Krieg, bis in die 50-ger Jahre, ist von den Moorwiesen Heu geerntet worden. Die Wagen standen am Rande der Wiesen, denn nur dort konnten sie nach der Beladung nicht einsacken. Alles wurde mit Forken dorthin getragen werde. Es kam vor, dass beim Abladen Schlangen, meistens Blindschleichen und Ringelnattern, vereinzelt auch Kreuzottern, die sich im Heuhaufen versteckten, auf die Diele gefallen sind. Um besser von Hand mähen zu können, hat man im Winter die mit Schilf durchwachsenen Flächen abgebrannt. Das andere Moorgebiet ist ein Erlenbruchwald. Erlen, Eschen, Birken, Espen, Weiden, aber auch uralte Eichen, knorrige Kiefern und viel Strauchholz stehen nebeneinander. Auf besseren Böden findet man große Schwarzdorn Gebüsche. Holz benötigte man als Brennholz. Die Kachelöfen, Herde und Futterkessel verschlangen Mengen von Holz. Holz konnte nur bei starkem Frost geschlagen werden. Die geschlagenen Bäume trug man an Stellen zusammen, von wo sie abgefahren werden konnten. Von dort fuhr man das Holz auf die Höfe, um es dann mit der Kreissäge klein zu sägen. Auch Zweige wurden zu „Buschwasen“ gebündelt. Man brauchte die „Buschwasen“ für die „Futterkessel“, um Kartoffeln für die Schweine zu kochen und um die gemauerten Backöfen anzuheizen.

Das Holz ist, wenn Zeit war, von den „Knechten“ klein „gehackt“ und in „Holzdiemen“ fein säuberlich gestapelt worden. Im Sommer , wenn alles trocken war, wurde es mit Kiepen in die Holzställe gebracht. Kurz nach Ende des Krieges war Holz so knapp, dass man mit den „Waldteufel“ rodete. Der „Waldteufel“ war eine von Hand bediente Winde, die beim Kiefernholz die abgesägten Stämme samt Wurzeln rodete. Mit Eisenkeilen zerkleinerte man  sie dann ofengerecht. Teilweise wurden die „Stubben“ sogar aus dem Boden mit Sprengstoff gesprengt. Im Klein Hesebecker Gebiet ist noch nach dem 2. Weltkrieg, im „Hesebecker Moor“, Torf gestochen worden. So sehr war Brennmaterial gefragt. Eigens stellte die Firma Willing dort eine Torfpresse auf. Der Torf war sehr salpeterhaltig, die Asche sah ganz rot aus. Holz, das die Bauern nicht selber verbrauchten, verkauften sie, nur wenn der Boden gefroren war, stets auf Holzauktionen.

Mehrere Bäume stellte man zu einem „Kabel“ zusammen. Dazu bekamen diese eine Nummer. Mit einem Messer wurde ein Stück der Rinde entfernt, die Zahl dann mit einem „Blaustift“ darauf geschrieben. Auktionator Meyer aus Bevensen, er war gelernter Stellmacher und Junggeselle, versteigerte dann meistbietend die „Kabel.“ Erlenholz und Birkenholz aus dem Moor war gutes Brennmaterial. Bis zu 50 Personen aus Bevensen und den Dörfern versammelten sich dann im Hesebecker Moor. Die letzte Versteigerung fand 1950 statt. Otto Meyer hatte in seinem Anschreibebuch alles notiert. Nach der Auktion konnte man  die gebotene Summe in der Gastwirtschaft, in bar bei ihm bezahlen. Der Bauer, so war es üblich, musste noch eine „Lage“  für alle ausgeben.  Mein Vater fragte Otto Meyer: „Was trinken sie denn am Liebsten.“  Kurze Antwort: „Asbach.“  Otto Meyer bekam natürlich seinen Asbach, trank ihn genüsslich aus und sagte: „Prost – schon wieder einen Quadratmeter Land durch die Kehle gegossen.“ Ich habe darüber lange nachgedacht. Jetzt wusste ich, warum dieser kluge Mann drei Höfe hatte. Der konnte wirklich rechnen, denn damals kostete Ackerland pro Quadratmeter eine Mark.

Heute wird privat kaum noch Holz zum Heizen mehr gebraucht, Heizöl, Gas und – inzwischen auch immer seltener – Kohle sind gefragt. Seit 1950 ist kaum noch Holz im Moor geschlagen. Die Wiesenflächen wachsen zum Teil langsam zu. Es ist wie im Urwald. Faulendes und mürbes Holz stirbt ab und fällt um, neue Pflanzen und Bäume wachsen nach.

1954, oder kurz danach, bin ich mit dem damaligen Naturschutzbeauftragten, Herrn Wildfeuer, durch das Moor gegangen. Wir fanden dort noch Sumpfbärlapp, Wachtelweizen, Knabenkräuter, Primel, Lungenenzian, Sibirische Iris, Küchenschelle, Wasserlilie, Leberblümchen und andere seltene Pflanzen. Ganze Flächen Torfmoos gab es noch. Ich erinnere mich, wie er dort eine besondere Primelart entdeckte. Er kniete nieder und sagte gerührt: „Dass ich die noch einmal gefunden habe… “ Von dem duftenden, bunten Paradies, wie es Walter Kayser beschrieb, ist aber nicht mehr viel zu sehen sehen. Nachdem die Weiden nicht mehr gemäht werden, sind die Knabenkräuter und der Wachtelweizen fast ganz verschwunden. Sumpfbärlapp, und Fleischfressende Pflanzen sind nur vereinzelnd noch zu finden.

Die großen Flächen mit Sumpfdotterblumen sucht man vergebens. Restbestände von Buschwindröschen, Leberblümchen und Seidelbast zeigen sich noch. Ganz vereinzelnd aber auch noch fleischfressende Pflanzen. Die Einbeere und auch das Pfaffenhütchen und die verschiedenen Moor-Gräserarten sind noch da. Früher war es für die Jäger etwas Besonderes, den Schnepfenstrich zu beobachten. Überhaupt ist es ein besonderes Schutzgebiet für Vögel. Der Schwarzstorch, ist auch in diesem Jahr mehrmals gesehen worden. Kraniche sind seit einigen Jahren dort am Brüten. Es gelang mir Aufnahmen von der Rohrdommel, den Eisvogel und der Rohrweihe zu machen. Pirol, Kuckuck und Nachtigallen haben dort, wie eine Vielfalt von Vögeln, ihren Einstand. Verschiedene Arten von Spechten schaffen in alten Bäumen Nistplätze. Leider sind die Kiebitze auch selten geworden. Das Moorgebiet dehnt sich am Röbbelbach, durch kleine Gehölze, bis nach Röbbel und darüber hinaus, aus. In diesem Jahr nisten 2 Eisvögelpaare, keine 200 Meter von der geplanten neuen Autobahn. Leider ist der Röbbelbach, der ums Hesebecker Moor führt, heute kein „Bachforellen-Paradies“ mehr. Im Winter, wenn die Ilmenau zugefroren ist, fallen Schwärme von Kormoranen in das Gewässer ein. Vögel, die hier nicht beheimatet sind, räumen den Bach, bis auf Restbestände, leer. Die Groppe, wie wir sie nennen, die Mühlenkoppe (Lutra lutra) und das Bachneunauge (Lampetra planari) sind noch vorhanden. Gerade in diesem Jahr habe ich aber auch Fischotter für kurze Zeit in meinen Teichen beobachten können. Die Teiche grenzen an den Röbbelbach zwischen Gr. Hesebeck und Röbbel

1954 ist unter Aufsicht der Bezirksregierung, der Bach mal elektrisch abgefischt worden. 360 Forellen hatte man in drei Stunden gefangen, um von den besten Fischen Laich (Roogen) abzunehmen, der dann an Ort und Stelle mit „Milch“ von den männlichen Forellen, den „Milchnern“, mit einer Feder befruchtet wurde. Es war bestes Zuchtmaterial, wie man es sonst nicht mehr hatte. Alle Forellen sind sofort zurück gesetzt worden. Ein kleiner Teil,  Jungfische aus der Brüterei, wurde später dazu gesetzt. Teichmuscheln sind an manchen Stellen noch vorhanden. Kammmolche verschiedene Froscharten, Laubfrosch usw. findet man heute noch. Die Zeit wird das Moor verändern. Weil Bäume einfach umfallen und vermodern, entstehen neue Biotope. Waschbären, Marderhunde richten ihr Unheil an. Fasane und Waldschnepfen sieht man dort selten, dafür aber viele Raubvögel. Neuntöter spießen immer noch, die verschieden, dort vorhandene Insektenarten- und Schmetterlingsarten in den Dornbüschen auf. Eine Fülle von seltenen Insekten – besondere Libellen, Schmetterlinge und Käfer, veranlassen Biologen und Naturschützer, dort auch heute noch zu forschen. Es ist gut, dass es das wohl im Kreis einzigartige Moorgebiet, gibt. Zu erreichen ist es nicht mit Fahrzeugen. Im Moor gibt es keine Wege. Alte Grenzmarkierungen sind nur noch selten erkennbar. Gräben wachsen zu. Viele Untiefen sind im Moor auch heute noch vorhanden. Wildschweine haben dort ihren Einstand gefunden. Man verliert leicht im Moor die Orientierung.

Es wäre schade, wenn dieses einmalige Moor, mit seinen Ausläufern am Röbbelbach, durch die direkte Nähe der Autobahn zerstört würde. Das Gebiet zwischen Gr. Hesebeck und Röbbel würde direkt durchschnitten. Bis zur großen Fläche das „Hesebecker Moor“ beträgt der Abstand nur etwa 800 Meter. Das Hesebecker Moorgebiet und das Gebiet des Röbbelbaches ist am 23. 11. 2007, durch Verordnung unter dem Begriff „Naturschutzgebiet Röbbelbach“ unter Naturschutz gestellt worden. Es hat nun eine Gesamtgröße von 142 Hektar. Echte Naturschützer schwärmen auch heute noch von der Vielfalt dieses Naturschutzgebietes. So bleibt zu hoffen, dass das „Hesebecker Moor“ im Bereich der Kurstadt Bad Bevensen, wenn auch in der sich verändernden Form, für den Landkreis erhalten bleibt. Schade, dass die geplante Autobahn direkt durch dieses, wie es mal hieß „Paradies der Orchideen und fleischfressenden Pflanzen“, führt.

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