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TEXT: TINO WAGNER, VERÖFFENTLICHT: IM „BLICKPUNKT“ MÄRZ 2018.
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Das Medinger Hotel „Vier Linden“

Zweifellos hat das „Vier Linden“ glanzvolle und bewegte Zeiten hinter sich, von dessen Charme heute wenig übrig ist. Einsam und verlassen stehen die Gebäude am Rande des Waldes. Unkraut wächst in den Beeten und zwischen den Fugen der Pflastersteine, über denen das Herbstlaub des vergangenen Jahres raschelt. Der Bauzaun vor dem ehemaligen Hotel kündigt das drohende Ende an. Ein Gast- und Pensionshaus mit langer Geschichte verabschiedet sich.

Vier Linden

Ländliche Idylle prägte einst das Hotel „Vier Linden“. Foto: Archiv

Seine Blütezeit erlebte das «Vier Linden» ab der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs. Die schöne Lage am Wald, in der Nähe des Klosters, war ideal. Die Wanderwege im Forst Rießel, entlang der reizvollen Ilmenau, lockten zahlreiche Sommerfrischler an. Im «Orientierungsbüchlein für Fremde» wurde für die Gegend geworben: „Auf wohlgepflegten Fußsteigen, an denen viele Ruhebänke stehen, kann man den Wald kreuz und quer durchstreifen, sich auf grünem Moose unter schattigen Buchen lagern oder den würzigen Duft der schlanken Tannen einatmen.“ Auf einer 1902 verfassten Ansichtskarte sind an der Straßenseite vier staatliche Linden samt einer angebauten Veranda zu erkennen. Die Bäume müssen in den Folgejahren gefällt worden sein, denn eine weitere Postkarte aus dem Jahr 1908 zeigt an ihrer Stelle bereits vier Neuanpflanzungen. Noch vor dem Kriege erweiterte der damalige Eigentümer Wilhelm Dornbusch das Gasthaus um einen großen Saal. Ein angrenzendes Ferienhaus und die Kegelbahn steigerten die Attraktivität gleichermaßen.

Dornbusch trat bis 1922 als Eigentümer und Gastwirt auf, danach wirbt der Landwirt Wilhelm Niebuhr für die schönen Fremdenzimmer und die gutbürgerliche Küche im «Vier Linden». Nach ihm betreuten fortan wechselnde Pächter das Gasthaus. Mit Veranstaltungen für Vereine, Filmvorführungen und zahlreichen Konzerten, bemühten sich die Betreiber um zahlende Kundschaft. Jeden Sonntag ab 16 Uhr spielte das Orchester zur Unterhaltung auf − lachende, feiernde Gäste mit Bubikopf und pomadeglänzenden Haaren, in von Zigarettenrauch gesättigter Luft. Trotz aller Mühen verlagerte sich der Fremdenverkehr zusehends nach Bevensen. Der aus Tätendorf stammende Wilhelm Harms übernahm 1933 die Gastwirtschaft.   Er ließ nichts unversucht, „den alten Ruf des Gasthauses wieder zurückzuerobern“. Er blieb bis Ende 1946 Pächter des «Vier Linden». Anschließend übernahm die aus Ostpreußen vertriebene Familie Paul Mallunat das Gast- und Pensionshaus. Die ersten Jahre waren hart. Der gegenüberliegende «Klosterkrug» war zwischenzeitlich zu einem Altersheim umgebaut worden. So mangelte es zwar nicht an Gästen, dafür jedoch an Zimmern – 3 Zimmer mit je 4 Betten wurden in den Nachkriegsjahren beschlagnahmt, um Flüchtlinge aus den Ostgebieten unterzubringen. Auch die Hilfskräfte mussten beherbergt werden. Die eigenen Wohnverhältnisse der großen Familie waren dadurch stark eingeschränkt. Aber auch diese Jahre gingen vorüber, der Betrieb entwickelte sich prächtig. Eine Speisekarte aus dem Jahr 1959 berichtet über das leckere und reichhaltige Speiseangebot: Ochsenschwanz- oder Krebssuppe als Vorspeise, gebackene Scholle mit Kartoff elsalat, Lungenragout und vieles mehr standen zur Auswahl. Ein Mittagsgericht gab es seinerzeit für rund zwei Mark. Dazu vielleicht ein Glas Weißwein für 45 Pfennig. Für den kleinen Hunger gab es natürlich auch belegte Brote. Das «Vier Linden» entwickelte sich zu einem allseits beliebten 4-Sterne-Hotel im Landhausstil, mit Restaurants, 34 Zimmern, 1 Appartement, 2 Suiten und eigenem Kosmetiksalon. Nun stehen das Hotel und die Gastwirtschaft schon etliche Jahre leer. Zahlreiche Versuche das Hotel zu retten schlugen fehl. Investoren kamen und gingen. Ideen reiften um dann verworfen zu werden. Zwischenzeitlich sollten dort Flüchtlinge untergebracht werden. Nun hat ein Investor aus der Nähe von Hamburg das Objekt gekauft. Der Abriss ist wohl nur eine Frage der Zeit – auf dem ehemaligen Hotelkomplex sollen Gebäude mit Wohnungen entstehen.

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