Quelle:

Text: Ernst Friedrich – veröffentlicht in den Bevenser Nachrichten – Februar 1999

Offene Türen

Drehen wir das Rad der Zeit einmal um etwa 70 bis 80 Jahre zurück. Zurück zur sogenannten »guten alten Zeit«, die in Wirklichkeit auch gar nicht so gut, sondern nur völlig anders war. Viele der alten Menschen werden sich sicher noch daran erinnern, daß in ihrer Jugend in unserem Städtchen und auch in den Dörfern der Umgebung kaum jemand daran dachte, tagsüber seine Haustür abzuschließen. Mitunter blieben die Türen sogar in der Nacht unverschlossen. Es konnte geschehen, daß jemand sein Haus für viele Stunden verließ, um im Garten oder auf dem Feld zu arbeiten und gar nicht daran dachte, seine Türen zu verschließen. Wozu auch. Große Reichtümer konnte kaum jemand anhäufen in der damaligen Zeit. Nicht einmal die Gartenhäuser wurden verschlossen.

Gärten wurden auch nicht eingezäunt. Wenn Kinder ab und an einmal in die Gärten gingen und ein paar Äpfel oder Birnen stibitzten, so sah man großzügig darüber hinweg, weil man genau wußte, daß sie wirklich nur das Obst pflückten, ohne, wie es heute üblich ist, den ganzen Garten zu verwüsten. Kam wirklich einmal ein Fremder in den Ort, so wurde jeder seiner Schritte argwöhnisch beobachtet. Eines Tages geschah dann aber doch etwas, was viele, die davon hörten, vorsichtiger werden ließ.

Aus dem Celler Zuchthaus war ein gefährlicher Einbrecher entflohen und hatte es geschafft, sich bis in unseren Ort durchzuschlagen. Ausgerechnet das Haus unserer Großeltern suchte er heim. Noch bis in die vierziger Jahre hinein wurde deren Haustür selten einmal abgeschlossen. Vermutlich hatte er die Absicht, sich Geld und neue Bekleidung zu verschaffen. Großmutter war allein im Haus. Nur ihr Hund, ein großer intelligenter Schäferhundmischling namens Wolf, war noch bei ihr. Der Einbrecher hatte sich schon ins Haus geschlichen, als Großmutter das seltsame Verhalten ihres Hundes auffiel. Das Tier stand vor der Zwischentür zum Flur und knurrte anhaltend. Ein Verhalten, das der Hund sonst nie zeigte. Großmutter ahnte, daß jemand im Haus war, der nicht hierher gehörte. Sie öffnete die Zwischentür. Wie ein Blitz raste der Hund die Treppe zum Dachboden hoch. Sekunden später war ein kurzes Bellen, dann ein Poltern und darauf ein Aufschrei zu hören. Großmutter kannte ihren Hund genau und so beeilte sie sich nicht, als sie die Stufen zum Boden hinaufstieg. Oben angekommen, bot sich ihr folgendes Bild: Der Einbrecher lag flach auf dem Rücken, der Hund lag auf ihm, hatte die Kehle des Mannes zwischen den Zähnen und knurrte böse. Großmutter sah sich das Spielwerk eine Weile an und sagte dann zu dem Kerl am Boden: »Wenn Sie jetzt auch nur eine einzige falsche Bewegung machen, dann habe ich eine Menge Dreck aufzuwischen, denn der Hund beißt Sie glatt tot.«

Dann befahl sie Wolf, den Mann freizugeben. Als der Einbrecher aufstand, machte er den Fehler, den Arm zu heben. Der Hund biß sofort zu, was wieder zu einem Aufschrei führte. Großmutter scheuchte den Mann die Treppe hinunter, der Hund blieb ihm knurrend auf den Fersen. Als er endlich zur Haustür hinausging, konnte der Hund es nicht lassen, noch einmal kräftig zuzubeißen. Ein Stück der Hose des Einbrechers blieb zwischen Wolfs Zähnen zurück. Großmutter stand noch in der Haustür und sah, wie der Einbrecher in Richtung Ilmenaubrücke verschwand, als einer unserer Wachtmeister vorbeikam und sie fragte, ob sie einen Fremden gesehen hätte. Sie zeigte ihm das Stück aus der Hose des Mannes und sagte zu dem Polizisten: »Hier ist ein Rest von ihm.« »Wohin ist er verschwunden?« fragte der Beamte. »Ich muß den Mann festnehmen.« »Den brauchen Sie nicht zu suchen«, sagte Großmutter, »das macht unser Hund.« Sie hielt dem Hund den Hosenfetzen vor die Nase und sagte »Apport«. Der Hund lief sofort los. Nach wenigen Minuten kam der Entflohene die Straße herauf, hinter ihm Wolf. Einige Leute, die diese Geschichte mitbekommen hatten, erzählten später, daß der Hund den Mann ein paarmal in die Waden gezwickt hätte, wenn er nicht schnell genug lief.

Der Wachtmeister brauchte dem schlotternden Einbrecher nur noch Handschellen anlegen und ihn abführen. Der Hund »Wolf« war ein unwahrscheinlich gutmütiges Tier, das sich z. B. von Kindern alles gefallen ließ. Er hatte nie eine Ausbildung gehabt und war auch nicht scharfgemacht worden. Instinktiv hatte er wohl gemerkt, daß mit dem Mann, den er so böse attackiert hatte, etwas nicht stimmte. Normalerweise ließ er jeden ins Haus und begrüßte alle Leute schwanzwedelnd. Man sagt ja von Mischlingshunden, daß sie oft intelligenter seien als Rassehunde. Bei Großmutters Hund hatte sich diese Meinung bestätigt.

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