Quelle:

Text: Kurt Ernst, Manuskript: StadtA BB, A03, A2218-2015/049, Veröffentlicht: (in gekürzter Form) im „Blickpunkt“ am 6. Dezember 2002; Ergänzungen durch Dr. Michael Borris (2017);

Die dargestellten Beiträge Dritter dienen der Erleichterung einer weiteren Recherche. Wir empfehlen die Sachverhalte und insbesondere Datumsangaben und Namen immer zu überprüfen.

Die Geschichte eines Bevenser Hauses in der Bahnhofstraße 11 | Die Anfänge als Fotogeschäft

Das Haus in der Bahnhofstraße 11 in Bad Bevensen hat durch seine Besitzer und Bewohner eine eigene interessante Geschichte – unter anderem als Fotogeschäft.

Der Kaufmann Meyer (Haus 57, Meyer-Harbrech, Krummer Arm) kaufte 1896 das Haus (Haus 198) in der späteren Bahnhofstraße 11 am Wilhelmsgarten. Sein Sohn Carl August Meyer war zeitgemäß Fotograf und übernahm das Haus. Da es seinen Vorstellungen als Fotograf überhaupt nicht genügte, baute er es 1900  für seine Tätigkeit um. Es hatte für ein Foto-Atelier um die Jahrhundertwende eine sehr günstige Lage unmittelbar am Wilhelmsgarten und nahe dem Bahnhof gelegen. Für Personenaufnahmen entstand ein Anbau , der auch Tageslicht von oben zuließ. Dieser Anbau besteht auch heute noch, da er in Ziegelbauweise ausgeführt wurde und dementsprechend stabil ist.

Reklame vom Fotogeschäft Karl Meyer in Bevensen

Reklame des Fotogeschäfts in der regionalen Presse

Zusammenarbeit mit dem Verkehrs- und Verschönerungsvereins

Fotograf Meyer war sehr umsichtig und weitschauend. Darum nahm er den Bevensen-Medinger Verkehrs- und Verschönerungsverein mit in sein Geschäft. Auf den Wanderkarten für Bevensen konnte man eine entsprechende Mitteilung mit seiner Anschrift oben rechts finden. Für die Tätigkeiten des Verkehrsvereins hatte er rechts neben dem Hauseingang ein Büro eingerichtet. 1910 brachte er einen Wanderführer mit seinen Fotos heraus in dessen Anhang neben Wanderzielen Anzeigen von Restaurants und Hotels von Bevensen und Umgebung aufgeführt waren. Seine fotografische Tätigkeit hatte sehr guten Erfolg, sie umfaßte Familienfotos von familiären Ereignissen und Festen, auch Porträt- und Vereins-Fotos. Späterhin ließen sich Soldaten in Uniform während ihrer Dienstzeit fotografieren. Auch die Besucher von Bevensen wollten ihre Angehörigen mit Ansichtskarten vom Ort und Umgebung erfreuen und widmeten ihre besondere Aufmerksamkeit dem Foto vom Denkmal an der Kirche, das in verschiedener Ausführung mit und ohne Soldaten angeboten wurde. Der Fotograf Meyer fotografierte mit der damals üblichen Plattenkamera 9 x 12 cm (wahrscheinlich mit der Voigtländer Avus einer damals üblichen Kamera). Später benutzte er statt Platten Planfilme.

Das Fotogeschäft in Nöten | Verkauf an Ernst Müller

In den 30iger Jahren ließen die Fotoaufträge nach, da die Amateurfotografie einfacher und weit verbreitet war. Vor allem wurde diese Entwicklung 1931 durch die 4,- Mark-Box AGFA gefördert. Der Umsatz ließ nach, da fast in jeder Familie eine gute Kamera vorhanden war, mit der die benötigten Aufnahmen selbst angefertigt wurden.

Darum mußte das Angebot anderweitig erweitert werden, und zwar durch die Herstellung und den Vertrieb seiner Fotos als Ansichtskarten. Während des Krieges kam wie so vieles auch diese Tätigkeit zum Erliegen.

„Nach dem Kriege, im Juli 1945, kam der Fotograf Walter BORRIS (1892 – 1963) mit seiner Familie ausgebombt aus Berlin nach Bevensen und führte das Fotogeschäft mit Labor weiter. Er hatte bis dahin etliche Jahre für das berühmte Filmunternehmen UFA in Berlin-Babelsberg gearbeitet. In Bevensen dann waren ihm seine Tochter Waltraut und sein Sohn Bodo in den Aufbau-Jahren eine große Stütze. Alten Bevensern ist noch der pittoreske Holz-Pavillon (im Vorgarten zur Bahnhofstr. hin gelegen) bekannt, in dem Fotografien, Werbung und Fotoapparate ausgestellt waren.
Wer etwas auf sich hielt, ließ sich bei Foto BORRIS Familienaufnahmen anfertigen.
Und nicht nur das : bei jedweden Festen und Feierlichkeiten war der Fachbetrieb gefragt. Und er hatte auch das Vertrauen des Stadtrates : Im Oktober 1956 fanden 38 seiner klassisch schwarz/weißen Original (!) -Fotografien Eingang in dessen Bericht „Vom Plan zur Wirklichkeit – Bevensen 1952 – 1956“.  Heute immer noch eine hochinteressante Dokumentation des Bevenser Städtebaus, seiner Architektur und der arbeitenden Menschen dieser Zeit. Stolz berichtet der Rat im Vorwort von einem „erfreulich lebhaften Aufschwung“ und der „sinnvollen Neuordnung durch eine großzügige Aufbauplanung“. Dankenswerter Weise sind diese Fotografien in das Digitale Bildarchiv des Stadtarchivs Bevensen aufgenommen worden. Eins dieser Fotos hat es sogar in das lesens- und vor allem sehenswerte Buch „Zeitsprünge Bad Bevensen“ von Tino Wagner/Historisches Bevensen e.V.
geschafft : Zwei Straßenbauarbeiter pflastern in Höhe des Hauses vom legendären Auktionator Meyer an der Medinger/Ecke Rathausstraße in Kopfsteintechnik (S. 70).
(Slg. Dr. Michael Borris)
Im Dezember 1960 schloß Walter BORRIS sein Geschäft im markanten Haus Bahnhofstraße 11 mit dessen wechselhafter Geschichte und setzte sich zur Ruhe.“ (Text: Dr. Michael Borris)
Der Sohn von Fotograf Meyer verkaufte das Haus an den Schuhmachermeister Ernst Müller.

Fotogeschäft und Cafe´ Keusen

Bei dem Kauf des Hauses waren noch viele fotografische Unterlagen auf dem Dachboden vorhanden. Herr Müller – genannt -„Schuh-Müller“ entrümpelte die Bodenräume und vernichtete leider alle noch vorhandenen Negative, Platten, die meist noch in einem sehr guten Zustand waren. Dadurch wurde manches Foto vernichtet, das vielleicht heute noch von Interesse wäre.

Das Haus stand lange Zeit fast leer. Nun gestaltete Herr Müller den Anbau für das Foto-Labor, für seine kleine Zweitwohnung um. Im Herbst 1961 mietete die Firma SMG aus Westberlin die Räume im Erdgeschoß und in der 1. Etage für ihre Fabrikation. Die politischen Verhältnisse in Berlin ermöglichten erst 1964 den endgültigen Umzug. Diese Räume reichten nur für die Anfangszeit, 1968 war ein Umzug der SMG für die nun umfangreich werdende Fabrikation unbedingt erforderlich.

Da auch die Mieterin der 2. Etage zur gleichen Zeit auszog, fasste Herr Müller einen Entschluß. Er beabsichtigte eine Pension zu eröffnen. Leider konnte dieser Plan nicht vollendet werden, da er im Frühjahr 1969 starb. Frau Müller versuchte dann, die fertig gestellten Teile der Pension und das Haus zu führen.

1979 erwarb Herr Keusen das Haus. Die Räume im Erdgeschoß gestaltete er zu einem Restaurant um, das am 19.04.1980 eröffnet wurde. Gleichzeitig wurde der am Haus befindliche Garten als Kaffeegarten eingerichtet, der im Sommer gern besucht wird. Trotz mehrfacher Veränderungen und verschiedener Bewohner steht das Haus auch heute noch so wie zu Fotograf Meyers Zeiten.

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