Aus dem kurzen Leben des Richard Blechschmidt (1915-1941) aus Bevensen

Alice Wünecke hört am Nachmittag des 13. Oktober 1941 eine Sondermeldung, die mit schnarrender Stimme im Radio verkündet wird. Euphorisch schreibt sie einen Brief an ihren Sohn Richard: »Ich glaube nun auch, daß der Krieg im Osten zu Ende geht, es wird nicht mehr lange dauern, und die Urlauber, zu denen Du hoffentlich gehören wirst, werden nach und nach in die Heimat befördert.« Das Schreiben schließt sie mit dem Wunsch auf »ein baldiges Wiedersehen«.

Wann er diese Zeilen lesen wird, und ob ihr letztes Paket schon bei ihm angekommen ist? Oft genug hat es drei Wochen gedauert.

Im Januar 1915 bringt Alice ihren Sohn im Flecken Bevensen zur Welt. Seine Generation wird später die Kriegs- oder auch Weimarer Generation genannt. Hineingeboren in eine Welt der Materialschlachten, aufgewachsen zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise. Sein Vater erleidet während des Krieges eine schwere Kopfverletzung und lebt fortan mit einem Nervenleiden. In der Ehe der Eltern kriselt es, sie lassen sich am 26. April 1922 scheiden.[1] Alice nimmt wieder ihren Geburtsnamen Wünecke an.

Richard Blechschmidt wird am 27. Januar 1915 in Bevensen geboren.

Richard wächst im Haus der Großeltern mütterlicherseits auf. Seine Mutter beginnt eine Ausbildung zur Apothekenhelferin, ihre zwei Schwestern helfen dem kranken Vater in seinem Geschäft. Das Haus liegt an der Lüneburger Straße 20, in unmittelbarer Nähe der Schröder´schen Apotheke.

Der Kolonialwarenladen des Großvaters mit dem Boden aus breiten Eichenbrettern lädt zum Träumen und Entdecken ein. In den vielen großen und kleinen Schubladen mit den beschrifteten Emailleschildern lagern allerlei Lebens- und Genussmittel aus fernen Ländern, wie Reis und Sago, Mandeln und Rosinen.

Im angrenzenden Lagerraum erinnern die an der Wand angebrachten Fleischerhaken und ein Zerlegeblock an die frühere Nutzung als Schlachterei. Richards Großvater hat diese bereits 1895 aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben, aber der Geruch von Holzfeuern und Wurst hängt noch immer in den geschwärzten Wänden der Räucherbutze.

Zum Toilettengang trotten alle Familienmitglieder über den Hof zum hölzernen Plumpsklo, wo handlich kleingerissene Zeitungen als Toilettenpapier dienen.[2]

Vom sechsten bis zum neunten Lebensjahr besucht Richard die Volksschule in Bevensen und danach die Mittelschule. Von den Tanten und der Mutter wird er liebevoll »Fritzi« genannt, nach seinem zweiten Vornamen. Bei den Spielen mit Gleichaltrigen schlüpft er am liebsten in die Rolle des Soldaten oder Indianers.

Als Spätfolge des Ersten Weltkrieges kommt es Anfang der 20er Jahre zur Inflation. »Anfang September 1920 kostete ein Ei schon 1,80 Mark, ein Pfund Schweinefleisch 10,50 Mark, Butter 13,80, aber nur an der Molkerei, im freien Handel 20-30 Mark. Zucker auf Marken 7,50 Mark, beim Kaufmann 15 Mark, ein Anzug 1600 Mark. Aber das war wirklich nichts gegen später. Bekam man Geld, musste man sofort kaufen. Die Entwertung raste in Stundengeschwindigkeit.«[3] 1923 erreicht die Inflation ihren Höhepunkt. Geldscheine werden in Wäschekörben zum Kaufmann geschleppt oder bündelweise als Brennmaterial genutzt. Die Mutter des Bevenser Pastors bekommt für 50 000 Goldmark gerade ein Pfund Grütze, das geerbte Geld sollte ihre Altersvorsorge sein. Vermögen und Lebensversicherungen schmelzen unaufhaltsam dahin.

Auf der anderen Seite sanieren sich Schuldner. So mancher Bauer bezahlt mit dem Erlös für einen Sack Korn seine Hofschulden.[4] Auch der Staat profitiert hinsichtlich seiner Kriegsschulden. Durch die Einführung der Rentenmark im November 1923 wird die weitere Geldentwertung schließlich gebannt.

Die Weimarer Republik scheint sich gefestigt zu haben. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 nehmen Einkommen, Produktion und Konsum stetig zu.[5]

Ab 1930 geht Richard auf das Reformrealgymnasium in Uelzen. Zu den Lieblingsfächern des 15-Jährigen gehören Geschichte, Kunst und Musik. Die Zensuren in den anderen Fächern sind zu dieser Zeit oft nur genügend, im Halbjahreszeugnis 1930/1931 ist zu lesen, dass die »gezeigten Leistungen nicht seiner Begabung entsprechen.«[6]

Als Sportler hat er mehr Erfolg. Bei den Reichs-Jugend-Wettkämpfen erhält er begehrte Urkunden und im Sportunterricht bekommt er durchgehend gute Noten.  Turnen, laufen, klettern, das liegt ihm.[7]

An der Mittelschule Bevensen kommt es wiederholt zu Konflikten unter den Schülern, die teilweise auch gewaltsam ausgetragen werden. Am 29. Oktober 1931 »stürzten sich wieder zwei junge Mittelschüler mit dem Ruf »Judenbengel« auf ein Arbeiterkind und brachten ihm eine klaffende Kopfwunde bei«, beklagen sich die Lehrkräfte. Andere Kinder werden gezwungen, »Heil Hitler« zu rufen, auf den Tischplatten häufen sich gemalte Hakenkreuze.[8]

Das NS-Regime weiß die Jugend zu begeistern und treibt den Aufbau ihrer 1926 gegründeten Jugendorganisation, der Hitlerjugend, voran. In der anfangs eher unbedeutenden Bewegung ist die Mitgliedschaft noch freiwillig. Zeltlager und Geländespiele fördern nicht nur das Gemeinschaftsgefühl durch besondere Freizeiterlebnisse, sondern schulen den Nachwuchs für den späteren Einsatz.

Auch bei den Pfadfindern ist Richard aktiv. Die NSDAP duldet Anfang der 30er Jahre noch die Annäherung zu den Pfadfindergruppen, die über gute internationale Kontakte verfügen.

Richard ist Führer der Bevenser Abteilung 44. Mit fünf anderen Jungen fährt er am 13. Mai 1932 mit dem Fahrrad nach Braunschweig. Bei strahlendem Sonnenschein und 32 °C strampeln sie über Kopfsteinpflaster und Heidesandwege. Nach Mitternacht kommen sie in Braunschweig an, fallen entkräftet in die Betten der Jugendherberge und schlafen sofort ein. Nach einer kurzen aber erholsamen Nachtruhe erkunden sie die Stadt. Sie besuchen ein Museum, besichtigen den Dom und schlecken Eis. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück schwingen sie sich wieder auf die Räder. Ihr eigentliches Ziel ist Ballenstedt im Harz, wo das Reichspfadfindertreffen des Deutschen Kolonialjugend Corps und der Deutschen Kolonialgesellschaft stattfindet. Trotzdem es noch früh ist, ist es schon sehr warm. Da sie unterwegs die eine oder andere Panne meistern müssen, verzögert sich die Ankunft. Schließlich erreichen sie das in einem Tannenwäldchen gelegene Lager. Nur 50 Meter davor platzt erneut ein Vorderreifen. Glück gehabt![9]

Einer der Bevenser Teilnehmer ist der Schüler Hans Jürgen von Cölln. Er notiert in seinem Tagebuch: »Ein buntes Leben und Treiben herrscht hier, Pfadfinder unseres Corps aus allen Teilen Deutschlands sind gekommen. Ich schätze auf 700 Mann. Doch kommen fortwä[h]rend neue Transporte.« In den folgenden Tagen lernen sie andere Pfadfinder und deren Eigenarten kennen: »Behne beginnt den Dialekt eines ca. 13-jährigen schalkhaften Naumburger Pfadfinders nachzuahmen, der einen zugelaufenen, halb verblödeten Zigeunerjungen andauernd mit Amannullah, tanze mal! Amannullah, bist verrückt? verulkte.«[10] Richard verbietet ihm schließlich jeden weiteren Versuch. Die Freizeit ist mit allerlei abenteuerlichen Aktivitäten gefüllt. Bei Fest- und Fackelzügen durch Ballenstedt vergeht die Zeit ebenso schnell wie bei den Wanderungen in den Wäldern und entlang der Bäche. Die Jungen erkunden stillgelegte Stollen und eine alte Raubritterburg. Abends sitzen sie am Lagerfeuer und trinken Kakao. Nachdem die Glut erloschen ist, kriechen sie fröstelnd ins Zelt. Gut eine Woche nach ihrem Aufbruch kommen die Schüler wieder in Bevensen an.

Die Tage der Pfadfinderorganisation sind gezählt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 werden alle anderen Jugendverbände nach und nach verboten und deren Mitglieder in den NS-Jugendorganisationen eingegliedert. Richard, der schon seit dem 1. April 1930 dabei ist, steigt in den Folgejahren in der Rangordnung bis zum Unterbannführer auf. Er hält Reden auf verschiedenen Veranstaltungen, die in Gasthäusern in Bevensen oder den umliegenden Dörfern stattfinden.[11]

Am 14. März 1934 verlässt Richard die Oberrealschule mit seinem Reifezeugnis und der Hochschulreife. Sein Ziel ist es, Volksschullehrer zu werden, wie einst sein Vater.[12]

Einen Monat später wird er an die Landjahrführerschule nach Bischofswerder bei Berlin berufen. Im Anschluss an die dreiwöchige Ausbildung bildet er selbst frische Landjahrführer in Dassel im Solling aus, die sich künftig um ausgewählte 14- bis 15-jährige Volksschulabsolventen kümmern.[13] Das acht- bis neunmonatige Landjahr dient während der NS-Zeit als 9. Schuljahr und staatliches Erziehungsinstrument. In angemieteten leerstehenden Gebäuden, alten Schlössern oder in Fabriken werden die ausgewählten Jungen und Mädchen streng getrennt untergebracht, ausgebildet und perspektivisch für den ländlichen Raum begeistert.

Landjahr 1935

Der Erziehungsplan für die Jungen sieht Geländespiele, Körperertüchtigung, Werken, Gartenarbeit und Erntehilfe vor. Bei den Mädchen steht zusätzlich Hausarbeit, Wäschepflege, Nähen oder ein Einsatz im Dorfkindergarten auf dem Programm.

Mitte des Jahres 1935 bemüht sich Richard um eine dauerhafte Anstellung als Landjahrerzieher. Ein mehrjähriger Dienst bietet Richard die Möglichkeit, sich zum Volksschullehrer fortzubilden. In einem Schreiben vom 19. Juni teilt ihm das Reichsjugendamt mit, dass sein Gesuch eingegangen ist, aber vorerst zur Geheimen Staatspolizei weitergeleitet wird. Zu diesem Zeitpunkt sind noch keine Stellen frei.

Wohl in derselben Angelegenheit schreibt Richards Mutter ihrer Freundin Emmy Göring, die sie im Bevenser Gasthaus Sagell kennengelernt hatte. Damals trat Emmy noch als Schauspielerin auf und war noch nicht mit Hitlers Oberbefehlshaber der Luftwaffe verheiratet.

Emmy antwortet ihr am 9. Juli 1935: »Liebe Alice, durch einen Zufall bekomme ich eben deinen Brief in die Hände, da ich täglich Hunderte von Briefen bekomme, werden alle Briefe vom Sekretariat meines Mannes geöffnet und mir ganz selten einer gegeben. Ich würde Dir gern helfen, kann aber beim allerbesten Willen garnichts tun, da sich mein Mann streng verbeten hat, daß ich mich in berufliche Angelegenheiten, ganz besonders bei Verwandten oder Freunden einmische. […] Versteht es und seid nicht böse.«[14]

Richard tritt im Oktober 1936 seinen Wehrdienst an und wird kurz darauf Mitglied der NSDAP.[15] Seine Ausbildung zum Offizier absolviert er an der Kriegsschule in Dresden.

Zu dieser Zeit bewirbt sich Richard, anscheinend erfolglos, um Aufnahme in der Ordensburg Vogelsang in der Eifel. Der Kreisgeschäftsführer der NSDAP antwortet am 29. Juni 1937: »Ich beziehe mich auf unsere Unterredung wegen der Ordensburg. In dieser Angelegenheit habe ich mich an die Gauleitung gewandt. Der Gaupersonalamtsleiter […] hält eine mündliche Aussprache mit Ihnen für unbedingt erforderlich. […] Eine Verkürzung der Dienstzeit bei der Wehrmacht kann nicht in Frage kommen«.[16]

Am 1. Juli 1938 wird Richard zum Fahnenjunker ernannt. Er verdient monatlich 118,70 Reichsmark, bei freier Unterkunft einschließlich Heizung, Beleuchtung und Bettwäsche. Der Durchschnittsverdienst liegt zu dieser Zeit bei 165 Reichsmark.

Nach Abzug der regelmäßigen Ausgaben wie beispielsweise Putzgeld, Bürgersteuer, Winterhilfe und dem Beitrag für das Fähnrichsheim bleiben rund 45 Reichsmark übrig. Sein Gehalt erhöht sich nach der Ernennung zum Fähnrich um 40 Reichsmark.

Gruppenfoto mit Richard Blechschmidt (hintere Reihe, 1. von links) und den anderen Lehrgangsteilnehmern an der Kriegsschule Dresden. Sie bleiben zu Beginn des Krieges über einen Rundbrief in Kontakt.

Als im September 1939 der Polenfeldzug beginnt, hat Richard die Offiziersausbildung gerade als Lehrgangsbester beendet und ist frischgebackener Leutnant.[17] Er ist an den Durchbruchskämpfen in Westgalizien beteiligt, an den anschließenden Verfolgungskämpfen und ab dem 16. September 1939 auch an der Schlacht bei Lemberg.[18]

Das Foto entstand während des Polenfeldzugs 1939. Es ist rückseitig beschriftet: „Leutnant Blechschmidt vor dem Regiment“.

 »Wir glauben hier alle nicht, daß es zum richtigen Krieg kommt. Es wird hauptsächlich ein Luftkrieg gegen England werden«, schreibt ihm seine Tante am 15. Oktober 1939.[19] Sie rühmt, »wie wunderbar schnell« die Deutschen den Polenkrieg beendet haben.

Leutnant Roth, mit dem Richard gemeinsam die Kriegsschule besuchte, schätzt die Lage realistischer ein und schreibt in diesen Tagen an alle 29 ehemaligen Lehrgangsteilnehmer: »Der Krieg hat uns an die Ostfront, an die Westfront oder sonst wohin gestellt. Die Friedenstauben sind im sonnigen Süden und sein gewaltsames Ende findet dieser wirklich komische Krieg doch nicht von heute auf morgen.«[20] Um den Kontakt untereinander nicht zu verlieren, wird ein regelmäßiger Rundbrief vereinbart, in dem zusammengefasst zu lesen ist, wo sich wer aufhält und wie es ihm ergeht.

Einige klagen über Langeweile und hoffen auf baldige Frontverwendung, zwei andere Namen hingegen werden schon Mitte Dezember von der Liste gestrichen – sie sind gefallen.

Ab dem 11. Mai 1940 ist Richard am Westfeldzug beteiligt – Vormarsch durch Luxemburg, Belgien und Nordfrankreich, Abwehrkämpfe nördlich der Aisne, Kämpfe beiderseits von Reims.[21]

Pastor Ulrich Bahrs, seit 1911 Seelsorger für die Bevenser Landgemeinde, schreibt daheim in sein Tagebuch: »Der 14. Juni Paris! Um 12 1/2 Uhr während des Mittagessens wurde eine wichtige Nachricht aus dem Führer-Hauptquartier angekündigt. Märsche vorher erhöhten die Spannung. Und dann: Unsere Truppen marschieren in Paris ein! Ein Triumphmarsch nach dem anderen. Aus den geschlossenen Augen rannen die Tränen.[…] Man sah und hörte den Einzug, man glaubte die Geister der Gefallenen aus beiden Kriegen in den Lüften mit einziehen zu sehen. «[22]

Richard erhält am 23. Juli 1940 das Eiserne Kreuz 2. Klasse.[23] Er verbleibt fast ein Jahr bei den Besatzungstruppen in Frankreich, in seinem Wehrpass ist unter anderem »Küstenschutz« vermerkt.

Unter dem Decknamen »Barbarossa« beginnt am 22. Juni 1941 der Angriff auf Russland. Leutnant Blechschmidt ist zu dieser Zeit Bataillons-Adjutant im I./Infanterieregiment 135. Acht Tage später die nächste Auszeichnung – das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Auf einer Karte an seine Mutter berichtet er von anschließenden Ruhetagen »mit viel Baden, gutem Essen und gründlichem Schlaf. So ist´s beinahe wie in der Sommerfrische.«[24]

Mangels Papier folgt sein nächster Brief erst Wochen später: »[…] Erinnert mich sehr stark an Zuhause. Auch alles Kiefernwälder mit Birken und Heide.« Er lobt die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Bauern, von denen er während der Einquartierungen in den strohgedeckten Häusern bewirtet wird. Meist gibt es Milch und gekochte Kartoffeln. Abends bei Kerzenlicht brät er sich Kartoffeln und Pilze in der Pfanne.[25]

Mitte September 1941 beginnt der Angriff auf Kiew. Als die Kämpfe am 26. September enden, beklagen beide Seiten große Verluste.

Etwa eine Million Menschen werden verwundet oder geraten in Gefangenschaft.  Soldaten, die gebetet, gehofft und gekämpft haben. Und die gestorben sind.

Zwei Tage später stehen zahlreiche Birkenkreuze neben einer Kirche bei Semjonowka, östlich von Kiew. Auf einem der Kreuze ist eine ovale Birkentafel angebracht mit der Aufschrift »Blechschmidt, Richard – I / IR 135 – geb. 28.1.15 gef. 26.9.41«.

Der Bataillonsführer Hauptmann Kaske, der sich selbst als väterlichen Freund Richards bezeichnet, schreibt an dessen Mutter: »Am 26. September bei den Abschlußkämpfen östlich von Kiew während eines heftigen Waldgefechtes erfüllte sich sein Leben. Getreu seinem Fahneneid […] traf ihn an der Spitze des Bataillons stürmend die tödliche Kugel. Im stolzen Gefühl des Sieges wurde er aus unserer Mitte gerissen. […] Ein großer Trost möge Ihnen die Gewissheit sein, daß unser lieber Blechschmidt nicht zu leiden hatte.«[26]

Die Schlacht um Kiew endete am 26. September 1941. Das Foto zeigt die frisch angelegten Gräber auf einem Friedhof in Semjonowka.

Die eingangs erwähnten Grüße der Mutter und das Paket hat der 26-jährige Richard nie erhalten. Als sie diese Zeilen schrieb, lag er schon in der kühlen Erde auf einem Friedhof bei Semjonowka. Der letzte Brief und einige Karten kehrten zurück nach Bevensen, mit einem Stempelabdruck »Nicht zustellbar, zurück an den Absender«.

Für die Angehörigen ein fast sicheres Zeichen. Jeden Tag konnte es die eigene Tür sein, an deren Schwelle die traurige Botschaft in einem Umschlag überreicht wird. Andere spüren den Verlust schon vorher und warteten lediglich auf die offizielle Mitteilung. Pastor Bahrs notiert viele dieser Gegebenheiten. So schreibt er zum Tode des am 16. Oktober 1942 gefallenen Wilhelm Schröder: »Die Mutter erzählte, sie habe es seit Wochen gewusst, denn er habe ihr nicht mehr geantwortet. Als am Sonnabend ein anderer Schröder […] in der Zeitung stand, habe sie gesagt, dass ihr Sohn am Montag in der Zeitung stehen werde. Am Sonntag habe sie ihren Mann zum aufstehen ermuntert, sonst käme der Briefträger und brächte den Brief, ehe sie auf wären. Und er brachte den Brief, und am Montag stand er in der Zeitung.«[27]

Vier Kriegsjahre später in Bevensen, es ist Anfang April 1945: Tiefflieger und Kämpfe im Umland zeichnen das Ende ab. Auf dem Bevenser Friedhof werden vier Soldaten beerdigt, »die im Zug bei Bienenbüttel erschossen wurden, darunter ein SS-Ritterkreuzträger.« Da in Uelzen das Elektrizitätswerk getroffen ist, gibt es weder Strom noch Zeitung. Zahlreiche »Soldaten sieht man auf den Straßen, mit und ohne Waffen sonnen sie sich auf dem Rasen. Andere fahren in mit Tannen getarnten Autos Richtung Hamburg.«[28]

Wieder fallen Bomben auf Hamburg. Das Leuchten und Funkeln über der Stadt ist sogar von Bevensen aus sichtbar, es scheint als stünde Medingen in Flammen.

Das Grollen kommt täglich näher, im Kinderheim werden Verwundete versorgt. Seit Tagen verbrennt der Ortsgruppenleiter der NSDAP alle seine Akten. Schwarze und weiße Papierflocken fliegen durch die Straßen.[29]

Ein ohrenbetäubender Knall schreckt am Nachmittag des 17. April die Bewohner des Ortes auf. Es ist der Warnschuss englischer Truppen, der dem Malermeister Linde, zwei Kindern und deren Kindermädchen das Leben kostet. Pastor Bahrs notiert die weiteren Ereignisse des Tages: »Schon war der Junge aus der Kirche. Draußen rief jemand auf der leeren Straße, die Panzerspitze stünde bei der Fabrik. Und richtig, da kam es dröhnend und rasselnd von der Unterführung herauf. Ein deutscher flüchtender Motorradfahrer fuhr mich auf dem Fußwege unserer Straße fast um. Die Häuser waren wie ausgestorben. Nur eine Gruppe aus unserer Straße sah sich das Schauspiel an. Durch die Gardine sah man die riesigen Panzer mit langen Rohren, die unheimlich schwarzen und zackigen Behang trugen, vorüberfahren. Langsam, die wahren Drachenwagen. Eine geringe Zahl von Soldaten begleitete hart an den Häusern den Zug. Wie gut, das[s] Wehrlose doch von uns nicht aufgeopfert wurden, gegen die letzte Order der Parteistellen, und daß bei uns die wahnsinnige Parole zu schießen nicht befolgt wurde.«[30]

Bevensen wird kampflos übergeben. Nach dem Einmarsch verteilen sich die Briten auf die einzelnen Häuser. Vor dem Haus der Familie Wünecke sitzt ein britischer Soldat in einem Ketten-Fahrzeug und schält sich entspannt eine Apfelsine.[31]

Die Kapitulation der Wehrmacht folgt wenige Wochen später. Der Krieg ist verloren, das Land in Trümmern. Richard Blechschmidt ist einer von über 50 Millionen Toten. Alle Opfer eines sinnlosen Krieges.

Alice Wünecke bleiben danach nur die Fotos, Urkunden und Erinnerungen. Auf dem neben der Waschküche gelegenen Plumpsklo, mit dem morschen Holzboden über der Sickergrube, dient Adolf Hitlers »Mein Kampf« als Papierspender.[32]

Quellen:

[1] Randvermerk mit dem Az. 2 R 97/22 auf der Traubescheinigung Nr. 27/1913 vom Standesamt Bevensen; (Kreisarchiv Uelzen)

[2] Kindheitserinnerungen von Volker Hepple; (StadtA BEV, A2275-2017/105)

[3] Pastor Ulrich Bahrs; Das Zeitalter der Weltkriege wie wir es in Bevensen erlebten; (StadtA Bad Bevensen-W1-B/014)

[4] ebd.

[5] http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39534/zwischen-festigung-und-gefaehrdung-1924-1929?p=all (Stand: 30.11.2019)

[6] Zeugnis des Realreformgymnasiums mit Oberrealschule Uelzen, 1. Halbjahr 1930/1931, Konferenzbeschluss vom 25. September 1930; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[7] Ehren-Urkunde – Reichs-Jugend-Wettkämpfe Mittelschule Bevensen 1928 – Dreikampf Gruppe, 1. Platz; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[8] Lüneburger Volksblatt vom 30. Oktober 1931; Abschrift in StadtA Bad Bevensen K59-2019/012

[9] Tagebuch Hans Jürgen von Cölln; (StadtA Bad Bevensen W1-B/28)

[10] ebd.

[11] Lebenslauf von Richard Blechschmidt, handgeschrieben am 15. Februar 1938; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[12] Abschrift Zeugnis der Reife vom 14. März 1934, Realreformgymnasium mit Oberrealschule Uelzen; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[13] Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide, 09./10. Juni 1934

[14] Brief von Emmy Göring an Alice Wünecke, 9. Juli 1935; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[15] Wehrpass von Richard Blechschmidt; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[16] Schreiben der NSDAP, Kreisleitung Uelzen, 29. Juni 1937; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[17] Wehrpass von Richard Blechschmidt; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[18] ebd.

[19] Brief von Ilse Hepple an Richard Blechschmidt; 15. Oktober 1939; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[20] Brief von Leutnant Roth an Richard Blechschmidt; 14. Oktober 1939; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[21] Wehrpass von Richard Blechschmidt; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[22] Pastor Ulrich Bahrs; Das Zeitalter der Weltkriege wie wir es in Bevensen erlebten; (StadtA Bad Bevensen-W1-B/014)

[23] Wehrpass von Richard Blechschmidt und Verleihungsurkunde; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[24] Feldpostkarte von Richard Blechschmidt an seine Mutter – 11. Juli 1941; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[25] Feldpostbrief von Richard Blechschmidt an seiner Mutter – 26. Juli 1941; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[26] Kondolenzschreiben des Bataillonsführers Hauptmann Kaske – 28. September 1941; (StadtA Bad Bevensen A2305-2018/079)

[27] Pastor Ulrich Bahrs; Etwas von der Bevenser Landgemeinde und ihrem Pfarrhaus, S.200; (StadtA Bad Bevensen A2101-2010/026)

[28] Pastor Ulrich Bahrs; Das Zeitalter der Weltkriege wie wir es in Bevensen erlebten; (StadtA Bad Bevensen-W1-B/014)

[29] ebd.

[30] ebd.

[31] Kindheitserinnerungen von Volker Hepple; StadtA BEV, A2275-2017/105

[32] ebd.

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