Quelle:

Text: Ernst Friedrich – veröffentlicht in den Bevenser Nachrichten – Juli 1998

Wilder Westen im alten Bevensen

Auch früher gab es Einbrecher und Diebe. Schwere Verbrechen wie z. B. Mord kamen allerdings nicht so häufig vor wie heute und wenn doch, dann wurden sie wesentlich schwerer geahndet.

Lag es an den härteren Strafen oder lag es an den überschaubareren Gemeinden, in denen die Wachtmeister ihre Pappenheimer kannten und ihnen prophylaktisch ab und an auf die Finger klopften? Heute würde man so etwas natürlich Amtsmißbrauch nennen und dem Polizisten eine Rüge erteilen. Wurde früher ein Dieb oder Einbrecher von einem womöglich kräftigen Hausherrn erwischt, so konnte er von Glück sagen, wenn die Polizei zur Stelle war, bevor er fürchterliche Prügel bezog. Heute wird nicht der Dieb oder Einbrecher bestraft, sondern derjenige, der sein Eigentum schützen wollte und sich zu hart gegen diesen Menschen zur Wehr gesetzt hatte.

Dem Missetäter aber wird das Hinterteil mit rosa Puderzucker eingepudert und anschließend wird er auf Erlebnisurlaub in die Karibik geschickt. Wie gesagt, früher sah das etwas anders aus, und davon handelt diese Geschichte. Da gab es dereinst in Bevensen einen Walnußbaum mit ungewöhnlich großen Provence-Nüssen. Weit ragte er in die Straße hinein und berührte fast das Dach des gegenüberliegenden Hauses.

Kurz vor der Nußernte war er das Ziel vieler Jungen und Mädchen, die versuchten, durch Hineinwerfen von Stöcken einen Teil der Nüsse herunterzubekommen. Bis zur Vollreife aber saßen diese Früchte sehr fest. Wenn wirklich welche herunterfielen, dann hatte man noch große Mühe, die grüne Schale von den Nüssen zu entfernen. Außerdem wurden Finger und Hände von dem beizenden Saft der Schalen für viele Tage dunkelbraun.

Eines Nachts, kurz vor der Nußernte hörte der Besitzer des Baumes verdächtige Geräusche, stand auf und sah aus dem Fenster. Er hatte sich nicht verhört. Im Mondlicht konnte man deutlich erkennen, daß im Nußbaum ein Kerl saß und heftig schüttelte. Auf der Straße stand ein halbgefüllter großer Korb mit Nüssen. Dieses war nun eine Sache, die man so einfach nicht durchgehen lassen konnte. Dagegen mußte man etwas unternehmen. Und das tat der Besitzer dann auch. Er ging an seinen Waffenschrank und nahm die kleine Flinte heraus, die er sonst zur Rattenjagd benutzte, und lud sie mit einer Vogeldunstpatrone (feines Schrot). Als nun der Mann im Baum in der richtigen Position war, d. h. als sein Hinterteil gut zu treffen war, da öffnete der Baumbesitzer vorsichtig und leise das Fenster im ersten Stock und brannte den ersten Schuß ab. Während der Kerl im Baum aufjaulte und versuchte, herunterzuklettern, erwischte ihn noch ein zweiter Schuß in seine Sitzfläche.

Nun konnte er sich nicht mehr halten. Unter Mitnahme etlicher Äste prasselte er auf die Straße und zog laut jammernd von dannen. Seinen Korb mit Nüssen ließ er stehen. Der Schütze aber brüllte aus dem Fenster, so daß es in der ganzen Nachbarschaft zu hören war: »Düsse vermaledeiten Kattekers« (diese bösen Eichhörnchen). Anderntags fragte er seinen Freund, einen Arzt, ob dieser vielleicht einen Jagdunfall behandelt hätte. Der Arzt hatte. Lachend erzählte er, daß er einen Patienten mit blitzblauem Hintern behandelt hatte, der zudem auch noch etliche Körner feines Schrot in der Haut hatte. »Möchte doch bloß mal wissen, wer ihm die da hineingejubelt hat. Guter Schütze, saß alles sehr genau«, meinte er noch. So war das damals. Da hatte jemand sein Eigentum geschützt. Daß die Mittel, die dabei zur Anwendung kamen, etwas überzogen waren, interessierte niemanden, nicht einmal die Polizei. Heute würde man zumindest wegen Körperverletzung angeklagt und vermutlich auch eingesperrt. Aber im Gegensatz zu heute handelte ein Dieb auf eigenes Risiko und genoß keinen besonderen Schutz. Dieser Vorfall geschah vor über siebzig Jahren.

Der Nußbaum steht schon lange nicht mehr, aber es gibt eine Nachzucht von ihm, die genauso schöne große Nüsse trägt, und die werden wirklich nur von den Meisen und Eichhörnchen geklaut, was dem jetzigen Besitzer aber sehr recht ist.

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