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Zeitzeuge: Holger Arnold, Verfasst: Weihnachten 2016

Weihnachten zwischen Angst und Hoffnung

Das Inferno des 2. Weltkrieges hatte meine Geburtsstadt Bevensen äußerlich unbeschädigt überstanden. Jahrelang waren die Bomberstaffeln mit ihrer todbringenden Fracht über den kleinen Ort in der Heide hinweggezogen oder hatten ihn einfach links liegengelassen. Ihr Ziel waren die großen Städte, die dann bekanntlich ebenso spektakulär wie nachhaltig in Schutt und Asche gelegt wurden. Die Bevenser Bevölkerung war nur insoweit betroffen, als jede Bomberstaffel mittels aufheulender Alarmsirene angekündigt wurde, was automatisch Kellergang bedeutete, der sich glücklicherweise stets als überflüssig erwies, da keine verantwortungsbewusste Bomberbesatzung sich je hätte einfallen lassen, ihren kostbaren Sprengstoff an ein so harmloses kleines Örtchen zu verschwenden. Lediglich als die britische Armee sich anschickte, Bevensen zu erobern, kam es zu einer einzigen Kampfhandlung mit tragischem Ausgang: Als Warnschuss war wohl das Abfeuern einer Granate gedacht, die auf der Bahnhofstraße die beiden Enkelkinder des Tischlermeisters Neecke und deren Kindermädchen tötete. Weshalb das Mädchen den vorher gegebenen Alarm missachtete und mit einem Nachbarn plauderte, ist nie geklärt worden. Im Übrigen verlief der Einmarsch problemlos, und nach der Kapitulation des Tausendjährigen Reiches am 8. Mai 1945 begann das, was heute etwas oberflächlich verharmlosend als Nachkriegszeit bezeichnet wird. Eine in Wahrheit abenteuerliche Epoche, die im Westen bis zur Währungsreform im Jahre 1948 sowie der Gründung der Bundesrepublik im darauffolgenden Jahr andauerte.

In Bevensen gab es zwar 1945 keine Trümmer wegzuräumen, gleichwohl brodelte es hinter den äußerlich unversehrten Mauern gewaltig, hatte sich doch die Bevölkerung durch den Zuzug der Flüchtlinge und Ausgebombten in kürzester Zeit verdoppelt. So war u. a. Wohnraum plötzlich sehr knapp. Dazu kam, dass die Versorgungslage von allem des für das tägliche Leben Notwendigen zusammengebrochen war. Das aktivierte kriminelle Energien, vor allem die einiger zwielichtiger Gestalten, die im Zuge des Flüchtlingsstroms in Bevensen gestrandet waren und sich nun befleißigten, der Versorgungslage mit etwas anderen Mitteln aufzuhelfen. Mit anderen Worten: Es war die Geburtsstunde des Schwarzmarktes. Da verschwand z. B. des Nachts eine Kuh von der Weide, um in den folgenden Tagen in Form fachgerecht tranchierter Teile angeboten zu werden, die mit vorzugsweise hochwertigen Sachwerten teuer bezahlt werden mussten. So wechselten Schmuck, Pelzmäntel oder Konzertflügel ihre Besitzer, letzteres z. B. nicht unbedingt zum dauerhaften Nutzen der übers Ohr gehauenen Klavierlehrerin.

Aber auch wir Kinder passten uns den Verhältnissen an: z. B. R. [Anm. Name hier gekürzt], die Tochter des Bahnhofwirtes, entledigte sich ihres Schlüpfers, um dann mit ihrem kurzen Röckchen an einer Zaunstange gegenüber dem Bahnhof vor britischen Soldaten einen höchst sportlichen Überschlag zu demonstrieren, was pro Überschlagseinheit mit einer Tafel Schokolade belohnt wurde. Schokolade war neben Zigaretten und Lebensmitteln von unschätzbarem Wert und jederzeit als Zahlungsmittel einsetzbar. Ihre Künste gewährten zudem, mir bis dahin unaufgeklärtem Einzelkind, unschätzbare Erkenntnisse bezüglich körperlicher Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Trotzdem zog ich es vor, einen anderen Markt für mich zu erschließen. Dazu brauchte ich angesichts meiner stark rauchenden Eltern das Haus nicht einmal zu verlassen. Natürlich waren Zigaretten, wie alle anderen Genussmittel, absolute Mangelware. Hier kam meine manuelle Geschicklichkeit ins Spiel. Meine Eltern hatten nämlich ein kleines Maschinchen organisiert, mit dem man Zigaretten drehen konnte. Dazu mussten sämtliche im Umfeld auffindbaren Zigarettenkippen eingesammelt, der Tabak vom Zigarettenpapier befreit und in einem Holzkistchen gesammelt werden. War genügend Resttabak vorhanden, konnte die Fabrikation beginnen. Ich durfte überall Kippen einsammeln, nur nicht auf der Straße, was ich allerdings in Notfällen doch tat, wenn ich die Bedürfnisse meiner Klientel absolut nicht befriedigen konnte. Waren doch Versuche mit Ersatzstoffen, wie zerschnitzeltem braunen Brieffutterpapier, kläglich gescheitert und mit einer Ohrfeige „bezahlt“ worden. Auf die Währung konnte ich verzichten! Mein diesbezüglicher Retter hieß Victor. Victor war britischer Besatzungssoldat und die Eroberung von Fräulein Schellpfeffer. Diese war von Beruf MTA und arbeitete in der von meinem Großvater gegründeten Entbindungsklinik mit vorgeschalteter Landarztpraxis. Mangels Wohnraums in der Klinik war sie in unserer Wohnung einquartiert.

Victor entpuppte sich alsbald nicht nur als Fräulein Schellpfeffers, sondern auch als mein großes Glück. Rauchte er doch herrlich duftende Virginia-Zigaretten, von denen er, nachdem er von meiner Produktion wusste, extra lange Kippen hinterließ. Sobald Victor die Liebste verlassen und selbige zum Dienst entschwunden war, durfte ich den Aschenbecher leeren und konnte die köstlichsten Glimmstängel liefern. Aus heutiger Sicht lässt sich die „Währung“, mit der ich entlohnt wurde, sicher kaum verstehen, aber die Anerkennung meiner Geschicklichkeit war in jener kruden Zeit der schönste Lohn, den ich mir vorstellen konnte.

Heiligabend 1945

Der 24. Dezember 1945 begann für mich nicht unbedingt vielversprechend. Eine fieberhafte Erkältung hatte mich befallen, ich wurde morgens aus meiner unbeheizten Schlafkammer geholt und im einzig geheizten Raum der Wohnung auf das Sofa gebettet. Eigentlich wohnten wir in einer weiträumigen Dachwohnung, aber es war angesichts der beschriebenen Verhältnisse undenkbar, für den großen deckenhohen Kachelofen, der zwei Wohnräume samt glasbedachtem Atelier meines Vaters (er war Kunstmaler) beheizen konnte, das erforderliche Heizmaterial zu bekommen. So hausten wir in diesem Winter tagsüber in einem kleineren zum Vielzweckzimmer umfunktionierten Raum neben der Küche, für den ein kleiner Eisenofen („Kanonenofen“) genügend Wärme lieferte. Das erforderliche Heizmaterial ließ sich, wenn auch nicht ganz legal, vom Hof der erwähnten Privatklinik besorgen: Dort lagerten in einem Verschlag größere amtlich zugeteilte Mengen Kokskohle für den Klinikbetrieb, von der meine Eltern zu nachtschlafender Zeit im Schutze der Dunkelheit durch einen Spalt im Bretterzaun das eine oder andere Kohlestück hervorholen konnten. Am Heiligabend nun hatte meine Großmutter die in Bevensen anwesenden Familienangehörigen zu einer gemeinsamen Weihnachtsfeier mit Essen und Bescherung zu sich in ihre Wohnung im Klinikgebäude Bahnhofstraße 6 eingeladen. Wir wohnten separat in einem Haus, das auch der Familie gehörte. Es befand sich, durch einen kleinen Park, dem Wilhelmsgarten, getrennt, ca. 300 m entfernt in der Lindenstraße 11. Das war nicht weit, trotzdem wollte mir meine Mutter diesen Weg durch die Winterluft mit meinem Fieber nicht zumuten. Ich sollte also zu Hause bleiben. Das tat ich nicht ungern, ich liebte es, mich allein zu beschäftigen. Dazu muss gesagt sein, dass ich mit meinen 5 Jahren bereits lesen konnte. Das hatte sich wie von selbst ergeben, da ich immer, wenn mir jemand etwas vorlas, die Worte und Buchstaben im Text nachfragte. Irgendwann konnte ich es dann alleine und benötigte keine Vorleser mehr. Meine Eltern schätzten diese Selbständigkeit sehr, da sie mich jederzeit unbesorgt allein in der Wohnung lassen konnten. Ich trieb keinen Unfug, zündelte nicht, spielte mit einem wunderschönen Steinbaukasten und Spielzeugautos oder las, vorzugsweise Wilhelm Busch. Da es zu der Zeit nichts Geeignetes mehr zu kaufen gab, stammten Spielzeugautos oder später sogar eine Uhrwerkeisenbahn aus der Verwandtschaft. Erbstücke, die ich deswegen nicht minder liebte.

Auch meine Weihnachtsgeschenke an diesem Heiligabend 1945 bestanden aus Erbstücken. Und da hatte meine Mutter etwas ganz Besonderes aufgetrieben: Prunkstück war das Modell eines viersitzigen Militärautos mit aufklappbarem Faltdach aus Leinenstoff. Auf den vier Sitzen prächtig uniformierte Wehrmachtssoldaten, vermutlich Offiziere, die sich auch herausnehmen und durch andere Figuren bestücken ließen, was natürlich nicht im Sinne des Erfinders war. Aber es hatte dazu geführt, dass dieses mit militärischen Tarnfarben lackierte Monstrum von ca. 30 cm Länge in den Besitz meiner jüngsten Tante gekommen war. Diese hatte sich nämlich, als sie noch mit Puppen spielte, ein Auto für ihre Puppen gewünscht und bekam in Ermangelung eines Besseren dieses prächtige Teil, vielleicht auch einmal zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Mit Geburtsjahrgang 1927 lag ihr Puppenspielalter noch gar nicht weit zurück, das Modell war also absolut aktuell, zumindest bis zum 8. Mai 1945. Aber damit nicht genug: Flankiert wurden die vier im Auto sitzenden höheren Chargen von einem Zug marschierender Infanteristen, es waren wohl zwölf, mit geschultertem Gewehr und Tornister auf dem Rücken. Dazu muss man wissen, dass der Besitz derlei Militaria nach dem unrühmlichen Ende der glorreichen Wehrmacht von der britischen Besatzungsmacht strengstens untersagt war. Aber das galt natürlich nicht für das „Puppenauto“ meiner Tante. Sowohl die sitzenden als auch die marschierenden Soldaten waren wohl vor dem Hintergrund anderer Sorgen in den Nachkriegswirren zunächst unglücklicher- und nun glücklicherweise übersehen worden. Rundeten sie doch mein Bescherungsensemble höchst dekorativ ab. Da ich aus den oben genannten Gründen nicht mit zur großen Familienfeier kommen konnte, inszenierten meine Eltern vorab im mit drei Kerzen dekorierten Zimmer meine ganz persönliche Bescherung, freilich nicht ohne den Hinweis auf die Illegalität der vom Christkind überbrachten Streitmacht. Da das Christkind in jenen schlechten Zeiten eben nichts hatte auftreiben können, war ihm halt nichts anderes übrig geblieben, als die gewesenen Wehrmachtsangehörigen um tatkräftige Hilfe zu bitten. Das bedeute aber höchste Diskretion. Ich durfte diesen Schatz also keinesfalls außerhalb der eigenen vier Wände präsentieren und sollte auch innerhalb derselben am besten mit ihm allein bleiben. Das alles schreckte mich nicht, neigte ich doch ohnehin (siehe oben) zur Eigenbrötelei. Ich war jedenfalls begeistert, so reichhaltig beschenkt worden zu sein, und der gewisse konspirative Touch des Ganzen übte auf mich einen starken Reiz aus. Also ließen mich meine Eltern mit gutem Gewissen von meiner Streitmacht trefflich bewacht zurück und entschwanden zur Familienfeier in die Bahnhofstraße.

Als ich kurz darauf meine Soldaten aufgestellt und das Auto eine erste Runde gedreht hatte, klopfte es an der Tür: Fräulein Schellpfeffer kündigte mir Victor an. Sie war gerade vom Dienst gekommen, wollte sich frisch machen und festtäglich umziehen. In damaligen noch nicht so schamlosen Zeiten tat man das, vor allem auf engstem Raum, nicht in Gegenwart anderer, auch oder gerade, wenn es sich um den Herzallerliebsten handelte. Ohne eine meinerseitige Reaktion abzuwarten, entschwand Fräulein Schellpfeffer. Mich hingegen ergriff Panik! Victor durfte ja auf keinen Fall mit der Feindesmacht, die sich zudem noch in Überzahl befand, konfrontiert werden. Ich hatte die Botschaft meiner Eltern wohl verstanden. Mit einem eleganten Schwung wurden also des Führers stolze Recken unter das Sofa gefegt, trefflich getarnt mit meinem überhängenden Bettlaken, als Victor auch schon in voller Ausgehuniform den Raum betrat.

Die Unterhaltung war, da ich der englischen Sprache gar nicht und Victor der deutschen nur bruchstückhaft mächtig war, etwas mühsam. Aber schließlich hatte er begriffen, warum ich da so alleine am Heiligabend auf dem Sofa hockte, außerdem verstanden wir uns durch unsere bestens funktionierenden Geschäftsbeziehungen auf Zigarettenkippenbasis ohnehin glänzend. Traurig stimmte Victor allerdings, dass ich, wie ich ihm versicherte, nichts zu Weihnachten bekommen hatte. Zum Trost zündete er sich eine Virginia an, zwinkerte mir listig zu, und ich verstand, dass sich alsbald fette Kippenbeute für mich im Aschenbecher befinden sollte. Just in diesem Moment platzten meine Eltern in unsere Zweisamkeit, hocherfreut, mich nicht vereinsamt allein vorzufinden, sondern nunmehr in der Obhut der Besatzungsmacht, die zur großen Freude, unabhängig von der sich abzeichnenden Kippe, frische Zigaretten spendierte. Allerdings drückte Victor sein Bedauern aus, dass ich keine Weihnachtsgeschenke bekommen hätte und wollte sich sogar noch etwas einfallen lassen, um eventuell Abhilfe zu schaffen. „Wieso keine Weihnachtsgeschenke?“ wunderten sich meine Eltern, „wo sind die denn geblieben?“ Ich erstarrte vor Schreck! Was war nur in sie gefahren!? Hatte sie in der Klinik wieder zu viel vom unsäglichen und unbekömmlichen Selbstgebrannten Rübenschnaps genascht, der damals auf dem Schwarzmarkt kursierte? Irgendwie versuchte ich meine Eltern noch zu warnen, wobei ich mich aber höchst unbeholfen anstellte und nun erst recht Victors Neugier weckte, weil er das alles nicht so recht verstand. Meine Eltern litten glücklicherweise nicht (wie früher schon einmal) an Rübenschnapsvergiftung, sondern erkannten, dass ich die Anweisungen bezüglich der illegalen Streitmacht strikt befolgt hatte. Nachdem Victor aufgeklärt worden war (er gehörte schließlich irgendwie zur Familie), kroch ich schließlich unter gutem Zureden unter das Sofa und befreite die Deutsche Wehrmacht aus ihrer misslichen Lage. Ich habe selten einen Menschen so herzlich lachen sehen und hören wie Victor nach dieser Offenbarung. Und so geschah es, dass am Heiligabend im finsteren Nachkriegswinter 1945 ein britischer Soldat in Uniform und ein fünfjähriger deutscher Junge im Schlafanzug bäuchlings auf dem Boden liegend konspirativ der deutschen Wehrmacht im Scheine dreier Kerzen zu einer gewissermaßen postbellicalen, wenn auch nur kurzen, Wiederauferstehung verhalfen.

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