Hinweis:

Zeitzeuge: Friedrich Wilhelm Kersting;

Die schöne Umgebung meines Wohnortes war und ist auch heute noch sehr reich an Wäldern. Je nach dem wo wir Kinder wohnten, ob in der Nähe des Rießels, des Lohnes oder des Klaubuschs, streiften wir spielend durch die Wälder. Nichts blieb damals unentdeckt, auch der Förster nicht. Die Jungs der Jahn-, der Uhle- und der Möllerstraße hatten das Waldstück, den Rießel, zu ihrem Revier erkoren. Zur alljährlichen Maikäfersuche ging es dann zu einer ganz bestimmten Eiche im Wellenberg. Den Rießel teilten wir nach den einzelnen Wegen in Abschnitte auf, die rechts von der Straße zur Kreuzchaussee abgingen. Der erste Gang war gleich an der Ecke beim früheren Kinderheim. Anfangs stand dort noch ein dreieckiger Holzschneepflug.

Ob er schon mit Treckern oder Pferden gezogen wurde, vermag ich heute nicht mehr genau zu sagen. Auf alle Fälle diente er uns als Wagenersatz bei unseren “Kutschfahrten”. Interessanter war der zweite Weg . Gleich vorne bauten wir uns aus abgebrochenen Ästen zwischen Baumstämmen und Büschen eine geräumige Höhle, die manchmal selbst die Grünzeit überdauerte. Eines Tages entdeckten wir neugierige Vögel. Wir beschlossen diese zu füttern. Aber woher sollten wir das Futter nur nehmen? Nun, auf der anderen Seite der Straße gab es ja Felder genug. Die Körner, die wir dort stiebitzten, auch wenn sie noch unreif waren, legten wir dann auf Blätter vor die ‘Laube’. Gespannt liefen wir tagsdrauf hin. Das Futter war natürlich weg. Stolz erzählten wir unseren Eltern davon. Einige Tage später beobachteten wir dann ein kleines Mäuschen, das wohl hungrig nachschaute, ob wieder etwas Neues am Platze lag. Es war eine große Enttäuschung für uns, daß es nicht wie gedacht die Vögel waren, die die Körner pickten. Den Weg weiter hoch, auf der leichten Anhöhe, gab es rechts noch eine dichte Fichtenschonung. Wie wir einmal hörten, sollten sich dort drin auch Wildschweine aufhalten. Heute weiß ich, daß das nicht so war, für uns reichte es aber, um respektvollen Abstand vor dieser Schonung zu halten. Ein bißchen weiter wuchsen die herrlichen Bickbeeren. Sogar mit Gräben dazwischen, was uns das Pflücken sehr erleichterte. Damals brauchte man nur den notwendigen Bickbeer-Schein von der Försterei. Wehe dem, der diesen nicht hatte. Der achtsame Förster , sofern er jemanden erwischte, unerbittlich den Becher oder den Eimer aus. Ich hatte zwar den Schein, aber nie so rechte Lust an der doch mühsamen Sammelei. Die strenge Mutter aber wollte jedoch abends den kleinen Honigeimer gefüllt haben. So füllte ich erst einen Hornbecher, den ich dann viermal umleerte. Der Kuchen schmeckte mir ja auch gut. Jedenfalls dann, wenn es meinem Bruder gelang, das Blech vom Bäcker abzuholen, ohne daß es ihm zwischenzeitlich auf der Straße landete.

Überhaupt hielt uns unsere Mutter damals rigoros an, allerlei im Rießel zu sammeln was zu gebrauchen war. Tannenzapfen wurden genutzt um den kleinen Herd anzuheizen, nachdem sie in der Butzenkammer getrocknet waren. Aber auch Kienspäne. Die Baumfällarbeiten waren wegen der Axtschläge weit hin zu hören. Also dort hin und gewartet, bis die Baumarbeiter Feierabend machten um dann das Holz aufzusammeln. Der dritte Weg, beim Abzweig zum Schweizerhof, war für uns nicht so wichtig. Bis sich eines Tages herumsprach, daß die Engländer dort alles absperrten und mit dem gewaltigen Holzeinschlag anfingen. Natürlich war das für uns dawieder ein willkommendes Ereignis. Die Briten waren auf der Hut. Wo immer wir es auch versuchten, in diesen Teil zu gelangen, jagten sie uns weg. Wir verstanden zwar kein einziges Wort von dem was sie sagten, aber ihre sehr eindeutige Gestik und die grimmige Mimik brachten uns doch schleunigst aus ihrer Reichweite. Wir sahen ihnen lieber aus sicherer Entfernung zu. Was hatten sie doch für riesige Fahrzeuge, die sich mit dem Langholz durch zerfahrene und aufgeweichte Wege quer durch den Wald quählten. Heute sind die Einschlagstellen von damals kaum noch zu sehen. Man muß sie schon kennen. Die Briten brachten das geschlagene Holz anschließend mit ihren olivgrünen Transportern zum Ladebahnhof. Die ganze Landstraße sah bald aus wie ein Feldweg. Natürlich wollten wir uns das emsige Verladen ganz genau sehen. Aber auch dort hatten sie schon ihre ‘Kinderabwehr’. Aber mit dem großen Unterschied, daß sie uns auch schon mal Kaugummi oder Schokolade schenkten. Ich erinnere mich noch genau, daß der ganze Güterbahnhof samt der Gleise eher einem Waldboden glich, als der ursprüngliche vorhandenen Pflasterung. Rinde über Rinde, Astreste und Holzstücke. Schade, daß wir noch keine Fotoapparate besaßen. Selbst die einfache Box überstieg ja schon unsere Finanzen bei weitem. Wir kannten auch die Fahrzeuge nicht. Oliv waren sie ja alle, den Stern mit und ohne Kreis und Nummern hatte sie auch alle.

Ich weiß noch, daß einige Soldaten eine gestickte Maus auf dem Ärmel trugen. Viel später erst erfuhr ich, daß sie zu den ‘Wüstenratten’ gehörten. Jener Einheit, die in Afrika gegen den Rommel antrat, und von daher diesen Namen bekam. Die meisten von ihnen waren freundlich und redeten mit uns. Was sie erzählten, verstanden wir nicht, aber der Ton ließ uns dann doch Vertrauen fassen. Nach einigen Wochen dann beendeten sie ihren Holzeinschlag bei uns. Zu dieser Zeit wußten wir natürlich nicht, warum sie die Bäume gefällt und abtransportiert hatten. Daß sie überhaupt da waren, und daß dies mit dem Krieg zusammenhing, ahnten wir. Ich sah in meiner Heimat auch die Russen kommen und hörte die angstvollen Gespräche der Erwachsenen, aber ich wusste nicht, um was es überhaupt ging. Das es arg böse wurde, merkte ich als Fünfjähriger jedoch ziemlich schnell. Dagegen waren waren die Engländer sehr liebe Menschen. Auch danach war der Rießel eigentlich unser liebster Spielplatz. Im Gegensatz zu heute war er sehr aufgeräumt und übersichtlich. Vor einigen Jahren mußte ich dann zu meiner großen Enttäuschung feststellen, daß der heutige Rießel nicht mehr der mir bekannte ist. Schade im Grunde, aber die heutigen Kinder können nun, wenn sie denn wollen, ihren Rießel entdecken so wie er heute ist.

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