Hinweis:

Zeitzeuge: Friedrich Wilhelm Kersting;

Im Januar des Jahres 1946, dem kalten Winter, kamen wir bei meinem Großvater, nach langer Reise aus Wittenberge über Friedland und dem Bohldamm, an. Der vier-Tage-weite Weg, heute im Auto etwa 90 Minuten, hatte sich für freiheitsliebende Menschen letztendlich gelohnt. Auch wenn er im offenen Güterwagen stattfand. Frieren konnten wir ob der dreifachen Bekleidung kaum. Mein Großvater war noch nicht sehr lange wieder in seiner Wohnung, der Möllerstraße 4. Die Briten zwangen ihn dann, die Wohnräume zu verlassen, um sie selbst zu nutzen. Was er den Soldaten besonders übel nahm, war die Tatsache, daß sie aus einem Stuhl mit Korbsitz dieses Geflecht mit Messern oder einem Bajonett entfernten. Danach wurde er mittels eines Eimers als Toilette zweckentfremdet. Dabei hatte das Haus schon ein normales WC in halber Treppenhöhe. Der Stuhl erhielt später eine Holzsitzfläche und war noch lange in Benutzung. Wenn mich der Ernst des Lebens nicht schon längst erreicht hätte, wäre er spätestens zu Ostern 1946 gekommen.

Die Schule rief erstmals. Allerdings ohne die süße Tüte, aber mit Schiefertafel und kratzendem Griffel. Die Eltern saßen vorher tagelang zusammen und fertigten mit Pauspapier für jeden ABC-Schützen handschriftlich eine Fibel an. Die alten Bücher galten nicht mehr und neue gab es nicht. Aber es hat auch so geklappt. Frau Kiecksee nahm uns liebevoll unter ihre Fittiche. Unser Klassenzimmer befand sich gleich links am Durchgang zur Turnhalle. Später wanderten wir in die alte Baracke, links auf dem Schulhof, dann in den neuerbauten Pavillon. Heute muß ich feststellen, daß ich den sieben Jahren, vom Keller bis zum Dachboden, von vorne bis hinten, sehr viele Klassenräume erlebte. Sogar nachmittags und an Sonnabenden. Die zwei Schulen platzten aus aus allen Nähten. So lernten wir auch das Haus zwischen Schule und Schranke kennen, später Platz der Volksbücherei, und die ‘Niederlassung’ in der Rathausstraße. Von der Möllerstraße aus gab es mehrere Schulwege, die wir, als wir frei laufen durften, abwechselnd nutzten. Ausschlag gab immer der jeweils interessanteste Punkt. Zum Beispiel die Schnecken neben der hohen Hecke, die Treppe von der Ebstorfer Straße hoch, stadtseitig an den Silos entlang. Außerdem war diese Strecke für uns besonders reizvoll, denn wir mußten die Einmündung zur Bahnhofstraße passieren. Die war jedoch mit Stacheldraht versperrt. Die Engländer hatten sie damals noch unter ihrer Fuchtel. Wohl mit Unterkünften im Hotel, Befehlstellen in den anderen alten und guten Häusern. Tja, dort reizte uns die Schokolade der ‘Wüstenratten’ (7. Brit. Panzer Division). Der schreckliche Krieg war schon längere Zeit vorbei und so wurden die Soldaten immer freundlicher. Enttäuscht stellten wir eines Tages fest, sie waren weg! Man sagte, sie seien nach Lüneburg gezogen und hätten Bevensen als Garnison aufgegeben. Na ja, wir hatten immerhin noch den betonierten Feuerlöschteich neben dem Bahnhof. Was waren da bloß für dicke Karpfen drin! Die Jahn- oder Uhlestraße hin und her, diese Route wurde oftmals in Erbe’s Obstgarten mit den herrlichen Äpfeln unterbrochen, sofern wir nicht schon am Holzplatz hängen blieben. Diese Wege, auch die Ladestraße, hatten dann noch den gewaltigen Vorteil, die, natürlich immer gerade geschlossene, Schranke als Ausrede zu haben. Aber eines Tages trieb uns Frau Kiecksee diese Entschuldigung mit einem Ultimatum aus. Wehe, wenn noch einmal…

Das Spielchen wiederholte sich dennoch bei jedem Klassenlehrerwechsel. Bei unserer Mutter nutzte sich diese Erklärung ganz allmählich ab. Schön war es auch, wenn wir die Ladestraße entlang trottelten. Da war erstmal der Güterbahnhof zu prüfen und dann die Viehrampe. Mein Schulweg änderte sich durch unseren Umzug 1949. Von der Uhlestraße aus war es kürzer, aber Erbe’s und der Holzplatz blieben erhalten. Entlang des Pathsberges wurde dann auch Kuhmeier’s Schuppen und der bereits erwähnte Opel P 4 in das Verzeichnis möglicher Zwischenstationen aufgenommen. Heute betrachtet war diese Idylle 1953 vorbei. Wohl hatte ich als Dreizehnjähriger unheimlich lange Ferien, was sogar meinem späteren Dienstherren auffiel, aber bedingt durch die unterschiedlichen Zonen, hier englisch, dort französisch, waren die Schulen grundlegend verschieden. Was halfen mir fünf Jahre Englisch, wenn ich drei in Französisch gebraucht hätte. Wenigstens dem Englischen blieb ich treu verbunden. Der Schulweg ließ sich nur noch per Fahrrad oder Stadtbus bewältigen und das bei einem Verkehr, den man auch heute nicht sehr häufig findet. Nun, vielen meiner Schul- und Straßenfreunden erging es ähnlich. Die Väter kamen aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurück und nahmen woanders wieder alte oder neue Berufe auf. Heute sind solche Berichte und Erzählungen Geschichte. Für manchen der Schüler dieser Generation eine unverstandene, andere Welt.

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