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TEXT: TINO WAGNER

Unterlagen aus Weste berichten über einen Großbrand in Chicago

Wer sich mit seiner eigenen Familiengeschichte beschäftigt, fördert mitunter Überraschungen zutage. Oftmals genügt schon ein Blick in jene alten Unterlagen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden und dann kaum beachtet in einem Schrank verschwinden. So wie ein kunstvoll gestalteter Brief aus dem Jahre 1871, der sich im Besitz von Erhard Brandes aus Weste befindet.

Eine Großmutter von Brandes hat das Schriftstück zu Lebzeiten aufbewahrt und somit die Botschaft des Auswanderers Henry Meyer, der sein Glück in Amerika versuchte. Durch diesen Brief erfahren wir heute von dem tragischen Ereignis, dem er als Augenzeuge beiwohnte ‒ dem mehrtägigen Großbrand in Chicago.

Historiker gehen heute davon aus, dass das Feuer am Abend des 8. Oktober 1871 in der Scheune der Auswanderin Catharine O´Leary ausbrach. Als mutmaßlicher Verursacher gilt ein gewisser Daniel Sullivan. Er soll das Feuer gelegt haben, als er versuchte Milch aus der Scheune zu stehlen.

Starke Winde aus Südwesten setzten benachbarte Häuser in Brand und trieben das Feuer in Richtung Stadtmitte. Die Flammen fraßen sich die Holzbürgersteige entlang, und überquerten auf ihrer vernichtenden Reise sogar den verschmutzten Chicago River. Der Weg der Zerstörung wird im Brief beschrieben: „Wie ein Meer wogten die Flammen von Haus zu Haus, von Haus zu Haus sprangen dieselben, alles zerstörend, alles niederwerfend.“

Die Brandbekämpfung gestaltete sich schwierig. Schon der Sommer des Jahres 1871 war sehr heiß und seit Juli waren nur knapp drei Zentimeter Regen gefallen. Die Wasservorräte waren längst durch andere bekämpfte Brände erschöpft. Als das Feuer nach zwei Tagen endlich gelöscht werden konnte, war ein Gebiet von sechs Kilometern Länge und einem Kilometer Breite zerstört. „Wo früher die großartigsten Gebäude und Paläste standen, stehen heute nur noch Ruinen, nackte kahle Häuserreste“, schrieb Henry. Nachdem die Überreste abgekühlt waren, wurden 125 Leichen geborgen; mindestens 100 000 Einwohner verloren ihr Zuhause. In den Kirchen und öffentlichen Schulen fanden die Ärmsten der Armen eine vorübergehende Unterkunft. Henry lobte die allgemeine Hilfsbereitschaft in den folgenden Tagen und Wochen. Er und seine Familie hatten Glück: „Schwermütig schreibe ich dies alles angesichts dieses schrecklichen Unglücks und danke dem Herren, daß ich in meinem Geschäft, in meiner Familie, durch diese Feuersbrunst verschont geblieben bin.“

2001 gingen Erhard Brandes und seine Frau Sylvia schließlich auf Spurensuche. Es war eine spontane Aktion während eines Urlaubs in Detroit. „Wir haben uns kurzerhand ein Auto gemietet und sind nach Chicago gefahren“, berichtet Brandes schmunzelnd. Vorab versicherten sie sich, dass das im Brief genannte Wohnhaus in der West Randolph Street 174 noch existiert. Sie fanden es tatsächlich. Links und rechts schmiegten sich bereits Hochhäuser an das historische Gebäude. Einige Jahre später fanden die Suchenden nur noch eine Baulücke vor ‒ das Haus wurde zwischenzeitlich abgerissen.

Unbekannt ist, wie es den Auswanderern in der Zeit nach dem Brand erging und welche Wege das Schicksal noch für sie bereithielt. Nur der Brief blieb erhalten und zeigt, wie lohnend alte Schriftstücke sein können. Sie erzählen spannende Geschichten und stellen Verbindungen her ‒ zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.

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