Quelle:

STADTARCHIV BAD BEVENSEN – TEXT: T. WAGNER

Liebesgaben aus Bevensen

Als „Liebesgaben“ wurden Geschenkpakete bezeichnet, die während des Ersten Weltkrieges von der Bevölkerung den Soldaten an der Front übersandt wurden. Diese Hilfsgütersendungen gingen aber auch an deutsche Kriegsgefangene im Ausland und an Kriegsverwundete in den Lazaretten.

Organisiert wurden die Sammlungen und der Versand von Vereinen und gemeinnützigen Organisationen wie dem Roten Kreuz, aber auch von Unternehmen und  Schülern. In vielen Städten gab es entsprechende Sammelstellen.

So wurden unter anderem Zigaretten, Zigarren, Tabak, Feuerzeuge, Medikamente und andere Dinge des täglichen Bedarfs gesammelt. Die Aktionen nahmen auch einen Großteil des schulischen Alltags ein. An warmer Bekleidung mangelte es bereits mit dem einbrechenden Winter. Das Stricken von Socken, Schals, Handschuhen und Pulswärmern wurde von den Mädchen im Handarbeitsunterricht ausgeführt.

Die „Liebesgaben“, als solidarisches Zeichen der Anteilnahme durch die Daheimgebliebenen, hatten eine nicht unbeachtliche propagandistische Wirkung. Gaben sie den Soldaten doch das Gefühl von der „Heimatfront“ nicht vergessen zu werden, was wiederum die Stimmung und somit die Kampfmoral steigerte.

Auch der Magistrat und das Bürgervorsteherkollegium bemühten sich den im Felde befindlichen Einwohnern, insbesondere zu den christlichen Feiertagen, ein geeignetes Weihnachtspaket zu senden. Zu Weihnachten 1914 konnte sich die Fa. Schoenfeld & Rosenberg in Hannover über die Bestellung von 77 Packungen „Liebesgaben“ freuen.[1]

Allem Anschein nach erfragte der Magistrat dort auch den Preis für 60 Tabakbeutel. Man versäumte es nicht, mit dem Angebot auch gleich die Luntenfeuerzeuge zum Preis von 2,75 Mark pro Duzend anzupreisen. Die Bestellung wurde, einem Randvermerk zufolge, entsprechend getätigt. [2]

Im Stadtarchiv Bad Bevensen findet sich eine Akte mit Rechnungen und zahlreichen Dankesschreiben, in welchen die Soldaten ihre Freude über die Sendungen aus der Heimat zum Ausdruck bringen. Sah man den Paketen doch an, „daß nicht nur die Hand tätig war, sondern auch das Herz.“[3]

Aus den überlieferten Schreiben geht leider meist wenig Persönliches hervor, jedoch ist die nach außen dargestellte Zuversicht, insbesondere in der Anfangszeit, noch allgegenwärtig. Der Kanonier Adolf Westermann schrieb beispielsweise am 20. Dezember 1914:

„Im Besitze des mir zugesandten Weihnachtspaketes, spreche ich dem Wohllöblichen Herrn Magistrat und Bürgervorsteher-Kollegium zu Bevensen meinen herzlichen Dank aus. Hoffentlich ist es uns vergönnt bald als Sieger nach unserer lieben Heimat zurückkehren zu dürfen. Drum weiter mit Gott für Kaiser und Reich.“[4]

Wenige Verfasser schildern ihren Dank in Gedichtform, so wie Karl Niebuhr am 28. Dezember 1914:

„Zum Weihnachtsfest im Feindesland

hat Bevensen Paket versandt;

Um allen, die im Felde streiten,

große Freude zu bereiten.

Denn im Schützengraben bei starkem Regen,

ist der Tabakbeutel ein wahrer Segen!

Gehen wir dann auch auf nassen Socken,

der Tabak bleibt nun wenigstens trocken! [5]

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Dankesschreiben von Karl Schliekau, 19.12.1914 (In: StadtA BB A927-39/1914/001)

Neben den Liebesgaben gab es in Folge weitere Aktionen um die Weiterführung des Krieges zu unterstützen. Dazu zählten Kriegsanleihen, die Sammlung von Altmaterialien und Rohstoffen und vielem mehr.

Erneute Weihnachtsgeschenke

Auch Weihnachten 1915 äußert der Bürgermeister Pasie seine Absicht den „Kriegern etwas zum Rauchen ins Feld zu schicken und zwar jedem – ohne Ausnahme eine Kleinigkeit.“ Steuergelder sollten für die Weihnachtspakete nicht verwendet werden und so wurden 500 Mark aus den Überschüssen der Metallablieferungsgelder eingebracht. 11 Bevenser Bürger wurden am 6. Dezember 1915 ins Sitzungszimmer des Rathauses geladen, um bei der Fertigstellung der Weihnachtspakete behilflich zu sein.[6]

Weitere 300 Mark sollten dem Verein für Kriegsfürsorge zwecks Verteilung an unbemittelte Familien von Kriegsteilnehmern überwiesen werden. [7]

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Karte von W.Talg , Festungseisenbahnkompanie 3, vom 17.12.1914 – „Für das mir gesendete sehr vielseitig gehaltene Weihnachtspaket sage Ihnen herzl. Dank. Allen Mitgliedern des Magistrats und des Bürgervorsteherkollegiums sowie deren Frauen sende innigste Weihnachtsgrüße und wünsche ein für´s Vaterland siegreiches mit Frieden gesegnetes Neujahr. (In: StadtA BB A927-39/1914/001)

„Der schönste Beweis für die wahre Begeisterung, die das ganze Volk ohne Unterschied des Standes, Alters und Geschlechts durchwehte, war die von sofort nach Beginn des Krieges allerorten einsetzende Liebestätigkeit für die für das Vaterland kämpfenden und blutenden Krieger. Sie vereinigte sich in dem Werk, das gerade in dem ersten Kriegsjahre auf ein 50jähriges Jubiläum zurückblicken könnte… das Rote Kreuz. Auch in unserem kleinen Kreise wollte man darin nicht zurückbleiben.“

Außer mehrfachen Sammlungen seitens des Kriegervereins und der Geistlichen in Bevensen zugunsten der Kriegshinterbliebenen hatte eine solche für das Rote Kreuz reichen Erfolg. Neben 150 Mark an barem Gelde ergab die Sammlung, welche durch Schulknaben ausgeübt wurde, Leinensachen im Werte von 400 Mark. Diese wurden an Sonntagnachmittagen im Schulhause von jungen Mädchen unter der Leitung der Frau des Lehrers verarbeitet. Die fertigen Sachen sind teils an das Vereinslazarett in Uelzen, teils an das Reservelazarett im Auguste-Victoria-Heim in Bevensen geliefert. Bis Oktober 1914 sind geliefert: 39 Hemden, 21 breite Bettlaken, 53 Taschentücher, 6 Abtrocktücher und 14 Paar Strümpfe.

Daneben wurde gemäß eines Ministeriellen Erlasses der Handarbeitsunterricht in der Schule ganz in den Dienst der Fürsorge für das Heer gestellt. Gestrickt wurden vor allem Strümpfe, Pulswärmer, Leibbinden und auch Kopfschützer (letztere besonders für die in Russland kämpfenden Krieger). Die zu dem dazugehörigen Material erforderlichen Geldmittel wurden von Zeit zu Zeit durch Sammlungen aufgebracht.

Da diese immer reichen Ertrag hatten, konnten von einem Überschuss auch andere Soldaten nützliche und angenehme Sachen gekauft werden. So konnte, zur großen Freude aller Beteiligten die erste sogenannte Liebeskiste vom 26. Okt. 1914 durch Vermittlung des stellvertretenden Generalkommandos ins Feld gesandt werden. Sie enthielt 70 Paar Strümpfe, 24 Pulswärmer, 6 Normalhemden, 12 Unterhemden, 4 Unterhosen, 3 Dutzend Taschentücher, 12 Leinenhemden. Daneben an anderen Sachen: 24 Tabakpfeifen, 25 Pakete mit Tabak a 1/4 und 8 Pakete a 1/2 Pfund, 300 Zigaretten, 6 Zigarrenkisten und Kautabak. Eine zweite und dritte Kiste ähnlichen Inhalts konnte Ende November als Weihnachtsgabe abgesandt werden. Neben dem materiellen Wert, den diese Sachen für das Feldheer haben, mag man auch die ideelle Seite dieser Fürsorge nicht gering schätzen.

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Rechnung von W. Uhde vom 6.12.1915 über Tabakwaren für die Weihnachtspakete 1915 (In: StadtA BB A927-39/1914/001)

Zwischen der Heimat und dem Schützengraben wurde dadurch eine Verbindung hergestellt, die die mutigen Kämpfer immer wieder mit dem freudigen Bewusstsein erfüllten, dass daheim liebende Herzen für sie sorgten. In welch schöner und für beide Teile oft erheiternder Weise diese Beziehungen gepflegt werden können, möge folgendes zeigen: Auf meine Veranlassung hatte jedes Schulmädchen in das von ihr gestrickte Paar Strümpfe eine Feldpostantwortkarte mit seiner Anschrift gesteckt, worauf folgendes von mir verfasste geschrieben wurde:

Daheim in friedlich stiller Ruh

Verbringen wir die Tage zu

Indessen Du mit starker Hand

Verteidigst treu das Vaterland

Dabei musst Du gewiss oft frieren

Und darfst doch nicht den Mut verlieren

Musst in dem Graben liegen, hocken

Mit nassen, oft zerrissenen Socken

Drum schicke ich Dir diese Neuen

Die ich gestrickt, Dich zu erfreuen

Und Du mit frischem Mute wieder

Haust auf die Franzen, Briten nieder

Das dies geschehn, wie ich erwarte

Bitt ich um diese Antwortkarte

Der alte Vater Noah hat sicher nicht sehnsüchtiger nach seiner Taube ausgeschaut, als unsere fleißigen Strickerinnen nach den Antwortkarten. Kamen überhaupt mal welche zurück? Einige zweifelten. Da, Anfang November brachte mir ein Mädchen die erste, die ich hier im Wortlaut folgen lasse:

Dass ihr daheim in stiller Ruh oft unserer nachdenket

Beweisen diese Gaben hier, womit Ihr uns beschenket

Wir wollen als Tribut dafür den Feind ins Unglück stürzen

Damit Ihr glücklich bleibet.

Militärbäcker Dütmarsen, Reservebäckerei Kol. 2

Bald kamen fast jeden Morgen vor Beginn des Unterrichts Mädchen in meine Stube und zeigten mir freudestrahlend die erhaltenen Antworten. Fröhlich geben, fröhlich nehmen, innig lieben allerwärts, weiter klingt’s in Melodien, Freue Dich oh Christenherz.

Im Sommer 1915 wurden von einigen Kindern Bickbeeren gepflückt und auf den abgeernteten Feldern unter Leitung des Lehrers Ähren gesammelt. Die Erträge dafür wurden mit 175 Mark dem Roten Kreuz zugeführt. Desgleichen sammelten die Kinder der Mittel- und Oberstufe im Herbst 1916 während der Turnstunde Brennesseln die getrocknet immerhin einen Gewinn von 4,50 Mark ergaben …“ [8]

Mit andauernder Kriegsdauer und aufgrund logistischer Schwierigkeiten, kam es zu einem merklichen Rückgang der Liebesgabensendungen. Immerhin machten sich die Engpässe nicht nur an der Front sondern auch in der Heimat bemerkbar.

[1] – Originalrechnung der Fa. Schoenfeld & Rosenberg vom 21.11.1914 in StadtA Bad Bevensen, (StadtA BB – A2069-2009/008)

[2] – Pkt. 1 unter Auftragsbestätigung und zweitem Angebot der Fa. Schoenfeld & Rosenberg vom 21.11.1914 in: (o.N., Acta betreffend Dankesschreiben für Weihnachtspakete unserer Krieger, 1914-1915; StadtA BB – A927-39-1914/001)

[3] – Dankesschreiben Fr. Sch[l?]äffer vom 5.12.1914 in: (o.N., Acta betreffend Dankesschreiben für Weihnachtspakete unserer Krieger, 1914-1915; StadtA BB – A927-39-1914/001)

[4] – Auftragsbestätigung der Fa. Schoenfeld & Rosenberg vom 21.11.1914 in: (o.N., Acta betreffend Dankesschreiben für Weihnachtspakete unserer Krieger, 1914-1915; StadtA BB – A927-39-1914/001)

[5] – In: (o.N., Acta betreffend Dankesschreiben für Weihnachtspakete unserer Krieger, 1914-1915; StadtA BB – A927-39-1914/001)

[6] – Gem. einer Schätzung vom 4.12.1915 rechnete der Magistrat mit 325 Paketen (o.N., Acta betreffend Dankesschreiben für Weihnachtspakete unserer Krieger, 1914-1915; StadtA BB – A927-39-1914/001)

[7] – Vorschlag Pasie´s vom 29.11.1915 in: (o.N., Acta betreffend Dankesschreiben für Weihnachtspakete unserer Krieger, 1914-1915; StadtA BB – A927-39-1914/001)

[8] – (o.N., Der Weltkrieg und unsere Schulgemeinde (Jastorf), 1914-1918; StadtA BB – A1094-47/1818/003)

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