Flüchtling aus Ostpreußen gewann 1949 ein Eigenheim

Menschen, die ohnehin wenig besitzen, versuchen häufig auch den verbliebenen Rest ihrer spärlichen Mittel auf eine Karte zu setzen – oder wie im folgenden Beispiel auf einen Toto-Schein, der dem arbeitslosen und schwerkriegsbeschädigten Otto Kantwill in den Nachkriegsjahren ein Eigenheim bescherte.

Das Gesicht der Stadt Bevensen hatte sich bereits durch die hohe Zahl der Evakuierten und Bombenflüchtlinge aus Hamburg stark verändert, es sollten aber nicht die einzigen Schutzsuchenden bleiben. Zum Ende des irrsinnigen Krieges und danach schoben sich die zahlreichen Flüchtlingstrecks aus den Ostgebieten Richtung Westen. Auch in Bevensen verdoppelte sich die Einwohnerzahl durch den Zuzug der Vertriebenen und Flüchtlinge auf rund 6000 Menschen. Neben den Strapazen der panikartigen Flucht und dem Verlust der Heimat traf die Neuankömmlinge vielfach das Los des sozialen Abstiegs und der Ausgrenzung. Nachdem alles zurückgelassen werden musste, hieß es mit leeren Händen den Neuanfang zu versuchen.

Aufgrund der hohen Zahl der Flüchtlinge und den zumeist beengten Wohnverhältnissen, wurde der Hygiene besondere Beachtung geschenkt. (Foto: Stadtarchiv Bad Bevensen)

Die Unterbringung der Schutzsuchenden war die schwierigste Aufgabe, die zu bewältigen war. Dachböden wurden zu notdürftigen Unterkünften umgebaut und Wohnungen und Gebäude beschlagnahmt, um entsprechenden Wohnraum vorhalten zu können. Als Richtwert galten vier Quadratmeter pro Person, für Kinder unter 14 Jahren die Hälfte. Am Bahnhof, in der Lindenstraße 23, gab es zusätzliche Behelfswohnungen im ehemaligen Barackenlager des Reichsarbeitsdienstes. Ein Dutzend Familien verteilt auf drei Baracken. Notdürftig eingerichtet und eiskalt, Zementfußböden und kein elektrisches Licht. Dort lebte auch der Ostpreußen-Flüchtling Otto Kantwill mit seiner Verlobten und 73,20 DM pro Monat in der Tasche.

Da ihnen ein Verwandter ab und zu ein paar Mark zusteckte, konnte Otto sein Glück beim Fußball-Toto wagen. Acht- oder neunmal hatte er es schon vergeblich versucht – jeweils mit einem Einsatz von rund zwei Mark. Die Glücksgöttin Fortuna erwählte ihn schließlich im Herbst des Jahres 1949 – er gewann ein Eigenheim für 12 000 Deutsche Mark und Prämienscheine über 3000 DM für den Einkauf der Inneneinrichtung. Als der Toto-Bezirksstellenleiter den Gewinn überreichte, konnte die Familie ihr Glück kaum fassen. Wobei: Als gelernter Müller glaubte Kantwill an die glücksbringenden Träume von weißem Mehl und gutem Getreide, und „er hat mir die ganze Woche erzählt, dass er dauernd davon träumt“, berichtete seine überglückliche Braut gegenüber den damals anwesenden Reportern. Mit Freudentränen in den Augen umarmten sich die glücklichen Gewinner: „Nun können wir endlich heiraten …“ Ob es dazu kam, lässt sich in Bevensen leider nicht feststellen. Eine Eheschließung ist nicht belegt, in den Adressbüchern der 1950er Jahre ist die Familie nicht zu finden und eine Abmeldebescheinigung fehlt. Vielleicht hat es Otto Kantwill und seine Braut nach Holstein verschlagen, wo Ottos Mutter mit dem Flüchtlingstreck landete. Das war zumindest während der Flucht ihr Ziel, da sie jedoch keine Zuzugsgenehmigung bekamen, ging es erst nach Uelzen und später nach Bevensen.

Die Allgemeine Zeitung berichtete damals sehr treffend: „Glücksgöttin Fortuna hat wieder einmal den Richtigen getroffen. Ob er nun Kantwill heißt oder Scherwinsky, Oßmanek oder Ostrowsky – alle, die im Lager Lindenstraße wohnen, hätten ein solches Glück gleichermaßen verdient“.

Ein schönes Zeichen in einer Zeit, in der es an allem mangelte. Einer Zeit, in der die materielle Not den Tagesablauf bestimmte und die, wie heute auch, nicht immer von Gönnertum und Hilfsbereitschaft geprägt war.

Quelle:

TEXT: Tino Wagner

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