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TEXT: Janina Fuge;
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Die Erbauung der Bevenser Gasanstalt

Es ist nur eine nüchterne, vom damaligen Bürgermeister Tamm in handschriftlichem Sütterlin gekritzelte Aktennotiz, die den Beginn von einem spannenden Stück Industriegeschichte in Bevensen markiert: „Der Bau der Gasanstalt wurde (…) am 3. Mai 1907 beschlossen“. Wenige Wochen später schon nahm der Rat eine Anleihe von 130.000 Mark für den Bau am Eppenser Weg auf.
Fast genau 100 Jahre ist es damit her, dass der Bevenser Magistrat (der heutige Rat) damit eine Technik für den kleinen Ort einführte, die in Großstädten wie Hamburg bereits seit Jahrzehnten für eine umfassende, moderne Energieversorgung der Bevölkerung sorgte.

Zehn Akten hat das Bevenser Stadtarchiv über diese Institution gesammelt, viele Hundert Blatt sind durchzuforsten, will man die Geschichte des Gaswerkes in all seinen Facetten beleuchten. Allein schon der Anfang der Bevenser Institution ist spannungsgeladen: Alles begann mit einer Ausschreibung, an der sich eine Reihe von Firmen aus ganz Deutschland beteiligte. Den Zuschlag erhielt schließlich die Berlin-Anhaltische Maschinenbau-Actiengesellschaft. Am 4. Juni 1907 bedankte sie sich beim „wohllöblichen Fleckenvorstand“ in Bevensen und ersuchte, „dass es unser eifriges Bestreben sein wird, Sie in jeder Hinsicht zufriedenzustellen und Ihnen eine Gasanstalt zu erbauen, die dem Flecken und uns zur Ehre gereicht.“
Die Entscheidung für das Berliner Unternehmen war jedoch auch eine Entscheidung gegen die anderen Bewerber. Carl Francke, Unternehmer aus Bremen, beschwerte sich resolut in einem „Einschreiben per Eilboten“, es sei ihm Unrecht geschehen. Es könne nicht sein, dass eine andere Firma den Bau um 2500 Mark billiger anbiete, wie es das entsprechende Sachverständigen-Gutachten ausweise, „denn ich habe so niedrige Preise gestellt, dass ich nicht glaube, dass die Konkurrenz Ihnen noch niedrigere Preise hat stellen können, eben weil mir ausserordentlich daran lag, den Auftrag hereinzubekommen“.
Der Kampf um Aufträge und Finanzen – bis heute hat sich daran wenig geändert.
Der Magistrat ließ sich jedoch nicht erweichen: Die gegebene Zusage galt. Am 31. Juli wurde der entsprechende Vertrag zwischen Magistrat und der Berlin-Anhaltische Maschinenbau-Actiengesellschaft unterzeichnet. Nun ging es daran, das Gaswerk zu errichten. Die Berliner lieferten Konzessionsunterlagen, Entwürfe für Fabrik- und Wohngebäude, Lagepläne.
Eines der wichtigsten Neuerungen, die die Gasanstalt Bevensen bringen sollte: Eine moderne Gasbeleuchtung. Und damit die sogleich auf den neuesten Stand kam, entschied sich der Flecken als Bauher für die „Bamag-Ferndruckzündung.“ Die Vorteile, so warben umfangreiche Werbeprospekte, lägen insbesondere in der „Ersparnis von Arbeitslöhnen für die Arbeiter zum Zünden und Löschen der Strassenlaternen.“ 80 Fernzünder kaufte die Stadt schließlich, zum Preis von 25 Mark pro Stück – zusätzlich zu den Baukosten eine durchaus stattliche Summe für damalige Verhältnisse.

Der eigentliche Bau des aufwendigen Objektes ging derweil nur schleppend voran. Immer wieder gab es Verzögerungen. Am aufwändigsten war die Frage der Rohrverlegung. Oftmals musste hier mit Grundstücksbesitzern verhandelt werden – unter anderem finden sich in den Akten Verträge mit dem Landkreis und der Königlich Preussischen Staatseisenbahnverwaltung – denn sowohl unter Straßen des Landkreises wie auch unter Bahnschienen sollten die Rohre hindurchführen.
Die Fertigstellung der Gasanstalt war ursprünglich für Dezember 1907 geplant, tatsächlich abgenommen wurde der Betrieb jedoch erst am 12. Mai 1908. Mit einer entsprechenden Versicherung gegen Schäden durch „Brand oder Blitzschlag oder durch Explosion von Leuchtgas, sowie das durch solche Ereignisse veranlaßte Löschen, Niederreißen oder notwendige Ausräumen“, konnte der Betrieb dann jedoch umgehend beginnen.


Einige Jahrzehnte arbeitete das Gaswerk wacker, viele ältere Bevenser können sich daran noch erinnern. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Zahl der Gasabnehmer rapide auf nunmehr 500 Nutzer am Ende der 1950er Jahre zurück. Immer wieder war die Gasanstalt ein Problemkind in den Debatten des Rates; mit Darlehen wurde versucht, dem maroden Betrieb aus der Patsche zu helfen. Doch nichts half: Am 21. November beschloss der Rat die Stillegung der Bevenser Gasanstalt zum 1. April 1959. Und besiegelte damit ein wichtiges Stück Bevenser Industriegeschichte.

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