Quelle:

Text: H. Bergel/T. Wagner; Fotos: Stadtarchiv Bad Bevensen – D-03-05-0001 (Original unter K58-2009-100 Nr.1) – Für weitere Hintergrundinformationen siehe auch Heft 24 der Schriftenreihe des Stadtarchivs; Medingen ein Dorf im Schatten des Klosters Teil II, Eduard Felsberg

Ernstes Gedenken und liebevolle Erinnerungen an das Haus Conrad

Die älteste und größte Pension in Medingen war schon vor der Jahrhundertwende die „Pension Lippert“ in der heutigen Mühlenstraße. Eigentümerin war 1895/96 die Försterswitwe Mathilde Lippert, geb. List. Sie betrieb die Pension, mit dem angegliederten großen Garten, bis einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Die ledigen Geschwister Amalie und Angelika Conrad waren seit 1913 im Besitz der Pension und führten diese viele Jahrzehnte unter dem Namen „Haus Conrad“ weiter. In der beliebten Pension kehrten nicht nur „Sommerfrischler“ ein, sondern auch adelige Herrschaften, die ihre als Konventualinnen im Kloster lebenden Angehörigen besuchten.

D0101h 0035 - Med-Pension Lippert

Bereits zu Pfingsten 1912 wurde das Gästebuch der bekannten Fremdenpension den dort wohnenden „Sommerfrischlern“ zum Eintrag vorgelegt. Es ist höchst interessant festzustellen, woher die Gäste kamen. Bereits die erste Seite  weist darauf hin, dass bis auf eine dänische Familie alle anderen Besucher aus Hamburg kamen. Das bleibt auch bei den nächsten Seiten so. Dazu kamen auch mal Gäste aus Schleswig Holstein.

Aber schon zu Ende des Jahres 1912 trugen sich Gäste aus anderen Teilen Deutschlands ein. Prominentester Eintrag war am 5.9.1912: Konteradmiral a.D. von Dassel aus Stettin, der dann häufig zu Gast in Medingen war. Im übrigen bleibt es dann in den nächsten Jahren bei dem Herkunftsort Hamburg und Umgebung. Vereinzelt kommen jetzt hin und wieder Clubs. Noch ist es nicht üblich mehrere Zeilen über den Aufenthalt einzutragen. Erst 1915 im Kriegsjahr findet sich folgender Eintrag:

„Heute habe ich an dem Wege von der Königsbrücke  nach Sängershöh zwei Eichen und eine Linde gepflanzt, über deren Namensgebung ich mir meine Entscheidung noch vorbehalte. Die beiden Eichen sind heute etwa sechsjährig, die Linde siebenjährig. Mögen diese Bäume blühen und gedeihen und in mir stets liebe Erinnerungen an Medingen und zugleich ein ernstes Gedenken an das Kriegsjahr 1914/1915 wachrufen.“

Trotz des zweiten Kriegsjahres konnte sich das Haus Konrad eines guten Besuches erfreuen. Das gilt auch für 1917. Einige so genannte „Freizeiten“ tauchen in den Eintragungen auf. Im Gästebuch des Hause scheint sich der erste Weltkrieg hinsichtlich des Besuches nicht auszuwirken. Nach und nach beginnt man auf den eingekehrten Frieden 1918/19 in kurzen Eintragungen bzw. Versen einzugehen. In den zwanziger Jahren besuchen viele Gäste bis in den Herbst hinein die äußerst beliebte Pension Konrad. Die fröhlichen Verse häufen sich, in denen das Haus, die Verpflegung und vor allem die freundliche Betreuung gelobt wird.

D0101h 0102-Med-Haus Conrad-nach 1918-Slg.Felsberg

Das Gästehaus Conrad nach 1918

Allerdings machte die Inflation dem Hause zu schaffen und viele Gäste blieben weg. Im Sommer 1924 ging es dann wieder aufwärts. Medingen hatte sich „herumgesprochen“. Da es noch keine großen Werbeaktionen gab, war die Mund-zu-Mund-Propaganda wohl ausschlaggebend. Zum Teil handelte es ich um ganze Familien in drei Generationen. Ein Beispiel für eine Eintragung:

„Acht Jahr’ erschien das Elternpaar

jetzt bracht es mit die Kinderschar

die Tochter auch den Enkel gar

die fanden’s hier auch wunderbar.“

1928 weilte der Oberpostdirektor Machens hier im Hause, der später Bürger in Bevensen wurde. Es gab über die Jahre hinweg „Wiederholungstäter“, die immer wieder im Gästebuch auftauchten. Auch in den 30er Jahren kam der größte Anteil an Gästen aus Hamburg und aus dem norddeutschen Raum.

Neu waren Eintragungen von Militärgruppen; in der Regel Offiziere aber auch der Reichsarbeitsdienst war zu Gast. Meistens handelte es sich hier um reine Erholungsmaßnahmen. Die Zahl der Gäste reduzierte sich deutlich nach dem Kriegseintritt 1939. Das steigerte sich in den Jahren 1941 bis 1943. Die Einträge im Gästebuch waren überaus stark von Kriegserlebnissen und Kriegseinwirkungen geprägt:

„In schwerster Kriegszeit verlebten wir bei meist herrlichem Wetter wunderschöne, erholsame Tage und angenehm ruhige Nächte, trotz heiserer Sirenen, im gastlichen Hause Konrad.“

Noch während des Zweiten Weltkrieges übernahm übernahm Ellen Montua, geb. Conrad die Pension. 1945 fehlt jeglicher Eintrag im Gästebuch, erst zu Ostern 1946 sind wieder ein paar Eintragungen zu finden. Es ist zu vermuten, dass insbesondere in den Jahren 1950 bis 1954 sehr wenige Gäste das Haus besuchten. Große Investitionen, die notwendig waren um den steigenden Ansprüchen der Gäste gerecht zu werden, wurden von den Medinger Pensionsbetrieben nicht mehr getätigt. Der Konkurrenzdruck aus Bevensen war einfach zu groß. Um 1950 befand sich ein Müttergenesungswerk in den Räumen der Pension.

Rund 240 Seiten des Gästebuches wurden mit Erinnerungen, persönlichen Meinungen und Fotos gefüllt. Der letzte Eintrag stammt aus dem Jahr 1954. 1956 kam das Haus in neue Hände – Erich Goertz und Alice Krull erwarben die Pension und führten sie unter dem alten Namen weiter. In den Jahren 1957 und 1958 wurde die Pension von der Niedersächsischen Landesforstverwaltung im Rahmen von Fortbildungslehrgängen genutzt. Zu Beginn der 60er Jahre wurde die Pension dann mehr und mehr zu einem Wohnhaus umfunktioniert.

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